Künstlerische Prozesse als Inspirationsquelle

Forschungsergebnisse in Organisationen „transponieren“ – eine Buchbesprechung

praktiken des komponierens
Die Arbeitsprozesse von Künstlerinnen und Künstlern sind für mich geheimnisvoll und faszinierend – und ich wunderte mich immer, dass sich die Organisationsforschung noch nicht damit auseinandergesetzt hat. Nun habe ich das Buch „Praktiken des Komponierens“ von Tasos Zembylas und Martin Niederauer entdeckt. Ich höre gern Musik, bin aber weder Komponistin noch Musikerin oder Musikwissenschaftlerin. Wieso habe ich mich angesprochen gefühlt? Ich las den englischsprachigen Kurztext: „Art matters. It affects us in our daily lives and is full of meanings that are valuable to all of us…. is a catalyst for social interactions and cultural dynamics.“ Daher empfehle ich dieses Buch auch Menschen in Organisationen, besonders jenen in Führungsfunktionen und deren Beratern.

Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft ist auf der Suche nach dem Neuen. Kreative Prozesse sind heute zentrales Thema wenn es um das Neue Arbeiten, um Schwarmintelligenz, um Innovation geht. Querdenker werden beschworen, aber wo findet man sie? Künstlerinnen und Künstler sind ExpertInnen des originär Neuen, für Radikale Innovationen. Künstler schaffen NEUES, wo vorher nichts ist:
– die weiße Leinwand – der Maler das Bild, die Zeichnung
– der leere Raum – der Choreograf und die Tänzer die Performance
– der rohe Stein oder das Holz – der Bildhauer die Statue
– die Stille / das leere Notenblatt – der Komponist das Musikstück
– das leere Blatt Papier – der Dichter die Geschichte, das Gedicht, den Roman

In Gesprächen mit KünstlerInnen habe ich immer nach ihrer Arbeitsmethode gefragt, daraus ist eine lange Liste entstanden, von „ästhetisch“ bis „wahrnehmen“. Das Problem dabei ist, dass die meisten KünstlerInnen ihre Schaffensprozesse zwar analysieren und reflektieren, in ihrer Beschreibung fehlt aber gerade das was unbewusst und ungeplant abläuft. Ist es eine „black box“? Kann man diese Blackbox öffnen? Sind künstlerische Methoden auch in Organisationen anwendbar und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Deshalb hat mich die Ankündigung der wissenschaftlichen Erforschung von kompositorischen Schaffensprozessen fasziniert. Hier wird die eigene Reflexion durch das ergänzt, was unreflektierbar ist, all das was „im Tun“ implizit ist, das „tacit knowing“. Und implizites Wissen hat mich bereits 1996 beschäftigt, als wir im Hernstein International Management Institut eine Konferenz zum Thema Wissensmanagement mit dem damals führenden Experten, dem Japaner Hirotaka Takeuchi, organisierten.

So habe ich zu diesem Buch gegriffen. Die Selbstbeschreibungen der KomponistInnen wurden in diesem Forschungsprojekt durch eine soziologisch und wissenstheoretisch inspirierte Perspektive erweitert. Darüber hinaus werden Komponenten und Bedingungen erfasst, die künstlerische Handlungsfähigkeit konstituieren.

Die Ergebnisse dieser Forschung auf Prozesse in Organisationen zu übertragen, ist mir leicht gefallen. Es ist eher verwunderlich, warum künstlerische Prozesse nicht schon lange als Inspirationsquelle angenommen werden. Ich habe in nahezu allen Kapiteln Parallelen gefunden.

Dazu nur ein paar Beispiele:

  • Wie kann ein noch im Entstehen befindliches Werk greifbar werden? Man kann es nicht beschreiben, also greift der Künstler zu Metaphern, Zeichnungen, zu Probehandeln, zu einer „imaginativen Antizipation“. Wie könnte das helfen, geplante Entwicklungen im Unternehmen fühlbar und erlebbar zu machen?
  • Wie gelingen die Dialoge mit den „Peers“, Dirigenten und MusikerInnen, von denen Komponisten abhängig sind? MusikerInnen sehen sich oft nicht nur als Reproduzierende, sondern mit eigenen Vorstellungen der Gestaltung und der eigenen Suche nach Lösungen bei Problemen. Was wenn der Dirigent den Probenprozess eher autorität als partizipativ gestaltet? Genau das läuft doch auch bei Teams in Organisationen ab – was kann man aus dem Kunstbetrieb lernen?
  • Wie werden Beziehungen zu Auftraggebern, ZuhörerInnen, dem technischen Personal gestaltet, die für den Erfolg maßgeblich sind? Die gleichen Themen sind im Unternehmen aktuell.
  • Welche Rolle spielen materielle und immaterielle Ressourcen: Instrumente, Computer, explizites Wissen, Systeme, Diskurse, formale Regeln. Sie helfen Ideen zu strukturieren, aber auch zu improvisieren und zu experimentieren. Andererseits verleiten Instrumente dazu, Gewohntes zu reproduzieren. Auch Manager wünschen sich zu oft Sicherheit durch formale Rezepte und Prozedere. Wie kann künstlerische Improvisationskunst, das Körperwissen also die sinnlich-körperliche Wahrnehmung, das „Gespür“, in der Wirtschaft helfen eine neue Innovationskultur und genuin Neues zu etablieren?
  • Wie beeinflussen die Rahmenbedingungen und Ressourcen das Ergebnis, also Auftrag und Vorgaben, institutionelle Gegebenheiten, Raum, Zeit, die Atmosphäre des Arbeitsortes? Genau da nehmen Künstler schnell wahr, was das Arbeitsklima fördert oder belastet. Wie können Unternehmen von diesen Fähigkeiten profitieren?
  • Wie wird die Tagesroutine organisiert und wie parallel dazu Projekte? Wie geht der Künstler mit der „Unmöglichkeit“ von Termindruck um wenn etwas Innovatives entstehen soll? Auch vor diesen Widersprüchen stehen Führungskräfte und MitarbeiterInnen in Organisationen.

Besonders anregend fand ich das Kapitel „Prozesshaftigkeit des Komponierens“. Man liest über die Nicht-Linearität und Ergebnisoffenheit von kreativen Prozessen, über turning points, den Unterschied zwischen zielgerichtet und zielgesteuert, über den Umgang mit Komplexität. Durch Analysen von Skizzen und Tagebüchern der KünstlerInnen, Klangaufnahmen, Videos, persönlichen Berichten haben die Forscher Licht in diese Prozesse gebracht.

Das „empirische Herz“ der Studie bilden fünf Fallstudien von Kompositionsprozessen von der ersten Idee bis zur Uraufführung. Die KomponistInnen sind Marko Ciciliani, Karlheinz Essl, Clemens Gadenstätter, Katharina Klement und Joanna Wozny. Das Besondere daran: der Prozess wurde von den Künstlern und den Forschern während der gesamten Dauer – also in real time –  beobachtet und dokumentiert. Normalerweise wird nach Abschluss eines Projekts rückblickend der Ablauf analysiert. Das macht einen großen Unterschied – und auch das ist eine Anregung für die betriebliche Praxis.

Unternehmer und Manager verbinden Veränderungen stets mit konkreten Erwartungen und Zielen: neue Produkte, mehr Umsatz, weniger Krankenstände, weniger Fluktuation etc. Angst und Unsicherheit nähren das Bedürfnis nach einer – wenn auch illusorischen – Verbindlichkeit. Wenn die Lektüre dieses Buches Führungspersönlichkeiten nur von Einem überzeugt, dann lohnt sich die Investition bereits: Innovationsprozesse haben keine finale Gestalt, daher ist der „offene Ausgang“ das Beste was man sich als Ziel wünschen kann. Und Künstlerische Methoden sind auch in Organisationen anwendbar. Dieses Buch schenkt dafür viele Anregungen.

Tasos Zembylas, Martin Niederauer „Praktiken des Komponierens“, Soziologische, wissenstheoretische und musikwissenschaftliche Perspektiven. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-13507-2

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Wirf einen Stein ins Wasser – dann entstehen Wellen!

©Nordkolleg Rendsburg

©Nordkolleg Rendsburg

Mehr als 100 InteressentInnen folgten der Einladung „Hereinspaziert“ des Teams von „Unternehmen! KulturWirtschaft“ im Nordkolleg Rendsburg. Dann hieß es Manege frei für die Protagonisten*) der acht Pilotprojekte künstlerischer Interventionen, deren Abschluss mit einer vielfältigen Veranstaltung gefeiert wurde.

Acht Unternehmen waren mutig genug sich auf etwas Neues, eine künstlerische Intervention, einzulassen, darunter auch das Nordkolleg und das Team rund um Lena Mäusezahl, die Intermediäre = Prozessbegleiter dieser Projekte. Sie wollten die künstlerische Intervention und ihre Wirkung hautnah selbst erleben. Alle Projekte waren durch die Unternehmer bzw. Geschäftsführer, durch MitarbeiterInnen und den / die KünstlerInnen vertreten und berichteten in lebendigen Geschichten und bunten Bildern über den Ablauf und die Ergebnisse.

Video-Dokumentationen aller Projekte, auch mit back-stage-Eindrücken, boten Einblick in die Abläufe. Auf der Seite www.massiv.kreativ.de von Antje Hinz können Sie ausführliche, informative Interviews von allen Beteiligten – den Managern, den Künstlern und den Mitarbeitern – zu den verschiedenen Projekten hören und sehen.

Wenn Sie eine kompakte Information bevorzugen, dann empfehle ich Ihnen dieses Videomit Szenen aus vier Interventionen:

Mit einem kreativen und kurzweiligen Veranstaltungsdesign, moderiert von Lena Mäusezahl und Nele Tiemeyer, gingen die Präsentationen in das fröhliche Abschlussfest über.

*) Ein Protagonist ist daran erkennbar, dass er im Verlauf der Geschichte eine Wandlung erfährt, sich also durch die Ereignisse und Erfahrungen weiterentwickelt. Bei diesen Pilotprojekten haben sich alle Beteiligten weiterentwickelt.

Der anschließende Workshop-Tag

Arbeitsgruppe_foto unternehmenkulturwirtschaft.de

Arbeitsgruppe_foto unternehmenkulturwirtschaft.de

bot Gelegenheit, das gemeinsame Verständnis von künstlerischen Interventionen zu schärfen. Der Begriff wird inzwischen für ganz unterschiedliche Aktionen verwendet, von der Kunst am Bau bis zu themenbezogenen Beiträgen von KünstlerInnen beim heurigen Forum Alpbach.
Unser Fokus: Künstlerische Kompetenzen für unternehmerische Fragestellungen einsetzen und damit Möglichkeitsräume öffnen.

In einer Zukunft voll automatisierter Arbeitsabläufe – Stichwort Industrie 4.0 – wird es noch offensichtlicher, dass sich Unternehmen nur mit den Fähigkeiten ihrer MitarbeiterInnen von der Konkurrenz abheben können. Dabei geht es um Kommunikation, um vernetztes Denken, Überschreiten von Grenzen, den weiten Blick auf das Ganze und vor allem um wirklich gute Zusammenarbeit. Geben Sie zu: Klappt das derzeit in Ihrem Unternehmen so, dass Sie sich nicht sorgen müssen? Gerade lese ich im Manager Magazin, dass 7 von 10 Führungskräften im mittleren Management von der Zusammenarbeit mit ihren KollegInnen im Team nicht begeistert sind.

Themen der Workshops waren u.a. die Rolle des Intermediärs, die Intervention aus Künstlersicht, der ideale Auftraggeber, die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt und wie genau das Ziel festgelegt werden soll – denn künstlerische Interventionen sind ergebnisoffen. Was heißt das?

Künstlerische Interventionen sind „ergebnisoffen“

Das interessierte die anwesenden Wirtschaftsleute, die sich von Beratung natürlich ein Ergebnis erwarten. Die bereits KI-erfahrenen Unternehmen erklärten: Das Ziel ist eine Verbesserung, der Prozess wird klar gesteuert, welche Intervention vom Künstler/der Künstlerin gesetzt und was wirklich erreicht wird, entwickelt sich im Prozess und das erleben alle Beteiligten unmittelbar – und die meisten berichteten über ein unerwartetes und überraschendes Erlebnis.

ArianeBerthoinAntalAriane Berthoin-Antal vom WZB (Wissenschaftszentrum Berlin) hatte die wissenschaftliche Begleitung der Projekte übernommen. Eines der Ergebnisse ist zum Beispiel der Fokus auf die Lernprozesse für alle Beteiligten. Damit wird der Intermediär zum Lernprozess-Begleiter. Und es wird klar, dass die Voraussetzung für ein gutes Projekt die Bereitschaft aller im Unternehmen ist, zu lernen und sich zu entwickeln. Das entspricht auch dem Beratungsansatz der Lernenden Organisation. Dann stellt sich auch nicht die (an sich wichtige) Frage, nämlich ob die Manager das überhaupt wollen. Wenn man will, dass alles so bleibt wie es ist, macht man besser keine künstlerische Intervention.

Was bringt das den Unternehmen?

Erinnern Sie sich an das letzte Kommunikationstraining? Wurde dessen Wirkung exakt bewertet? Die laute Frage nach dem Nutzen von künstlerischen Interventionen wird ja nur gestellt, weil diese innovative Form der „Beratung“ noch weitgehend unbekannt ist, man noch nie über die besonderen Fähigkeiten von KünstlerInnen nachgedacht hat und das Risiko eines Misserfolgs scheut.

UnternehmerInnen, Managern und MitarbeiterInnen die verstehen, dass Veränderungen und technologische Entwicklung immer einen Eingriff in soziale Gefüge bedeuten, bringt eine künstlerische Intervention sehr viel. Die Bedeutung der Menschen wurde bisher oft übersehen. Enttäuschende Ergebnisse nach Fusionen sind dafür ein gutes Beispiel.

©coachingprodukte-entwickeln.de

©coachingprodukte-entwickeln.de

 

 

Bei der „Fishbowl“*) zur Frage „Was bleibt?“ habe ich eine schöne Metapher notiert:
„Es ist vergleichbar mit einem Stein, den man ins Wasser wirft – dann entstehen Wellen, die sich in alle Richtungen bewegen!“

 

Hier einige Aussagen:

  • Es ist etwas in Bewegung gekommen
  • Die Identifikation mit dem Unternehmen ist wieder ein Thema
  • Potenziale wurden entwickelt
  • Über die emotionale Seite der Zusammenarbeit kann gesprochen werden
  • Perspektivenwechsel ist nunmehr „normal“
  • Bei strukturellen Änderungen werden die Menschen „mitgenommen“ und nicht nur informiert
  • Die Gespräche gehen weiter
  • Geschichten, Texte, Filme, Artikel, Artefakte,…

Für diese Nachhaltigkeit sind aber die Führungskräfte und MitarbeiterInnen verantwortlich, die KünstlerInnen und der Intermediär können sie dabei unterstützen und durch Reflexionsangebote das Bewusstsein dafür stärken.

*) Wie im Goldfischglas diskutiert im Zentrum eine kleine Gruppe, während im Außenkreis die Teilnehmerinnen zuhören. Ein leerer Stuhl ermöglicht jederzeit mitzureden.

©popup_drej-design

©popup_drej-design

Eine Pop-up-Ausstellung als künstlerisches Spiegelbild der Veranstaltung

Was mich bei der Veranstaltung noch besonders beeindruckt hat, war die Begleitung durch das Künstlertrio drej.

Die Künstlerinnen beobachteten die Diskussionen und brachten in Bildern und Statements die zentralen Themen, Fragen und Ideen „auf den Punkt“. In einer begehbaren Installation konnte man Kernsätze Revue passieren lassen und durch eigene Beiträge ergänzen.

Das Pop-up-Konzept hat auch Ariane Berthoin-Antal angesprochen. Sie widmet einen ganzen Blogbeitrag der Dokumentation der Veranstaltung durch die KünstlerInnen. Viel genauer können Sie darüber also auf dieser Site lesen und Fotos sehen.

foto h.stattler

pop-up-Ausstellung_foto h.stattler

Und die Zukunft?

Nach diesen „Pionier-Projekten“ sind nun offene und lernbereite Unternehmen gefragt, die sich für eine künstlerische Intervention interessieren, damit durch zahlreiche Projekte diese neue Form der Intervention zu einer bekannten und geschätzten Alternative in der Palette der Beratungsangebote wird.

Nordkolleg_foto h.stattler

Nordkolleg_foto h.stattler

Gebraucht wird auch eine Institution, die diese Initiative unterstützt und die künstlerische Intervention bekannt macht. Eine Idee war zum Beispiel eine Roadshow mit den Pionierunternehmen. Das gilt für Österreich genauso wie für Deutschland. Das Nordkolleg war für „Unternehmen! KulturWirtschaft“ eine ideale Homebase. In einer Akademie für kulturelle Bildung, mit dem offenen und engagierten Leiter Guido Froese und ansprechenden Arbeitsräumen mitten im gepflegt-wilden Grün des Gartenareals, sind künstlerische Interventionen optimal aufgehoben. Es wäre schade, wenn das Know-how des Teams um Lena Mäusezahl verloren ginge.

Zurück nach Wien mit Zwischenstopp in Hamburg habe ich dann entspannt am Alster-Ufer in der Dokumentation geschmökert und den Stand up PaddlerInnen an der Alster zugeschaut. Der Fotoapparat war leider im Bahnhof-Schließfach.

Dokumentation_foto h.stattler

Dokumentation_foto h.stattler

Dafür kann ich ein Foto der Dokumentation und das Inhaltsverzeichnis zeigen! Auf 100 Seiten gibt es Berichte über alle acht künstlerischen Interventionen, die beteiligten Künstler, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Rolle der Intermediäre.

Die Broschüre kann mit einer Email an kulturwirtschaft@nordkolleg.de bestellt werden, sie kostet € 15,- + Versandkosten.

Die erfolgreichen Praxisbeispiele aus Rendsburg geben nun ein Stück Sicherheit. Weitere aus anderen europäischen Ländern gibt es auch (dazu einiges unter „Praxisbeispiele“). Also holen Sie sich Anregungen und dann rufen Sie uns an!
Wir beraten Sie gern.

Live-Berichte über Künstlerische Interventionen

Das »Unternehmen! KulturWirtschaft« lädt ins Nordkolleg Rendsburg ein.

Hereinspaziert

P r o g r a m m

  1. Juni 2015 15:30 – 19:00 Uhr:
    Feierlicher Abschluss: Projekte, Ergebnisse, Ausblick
    Präsentation der Projekte 2015:
  • »Wir mit Euch – für uns alle« Kreyenberg GmbH & Dany Heck und Christiane Limper
  • »alle Augen / viele Blicke« Kiel Region GmbH & Chili M. Seitz
  • »VHS schreibt sich in die Zukunft« Landesverband der Volkshochschulen Schleswig-Holsteins e.V. & Björn Högsdal
  • »Durch Rendsburg mit…« Nordkolleg Rendsburg & Peter Klingt
  1. Juni 2015 09:30 – 16:00 Uhr:
    Interaktive Konferenz »Künstlerische Interventionen in Organisationen«
    Neues, Bewährtes, Chancen und Grenzen eines innovativen Konzepts für Personalentwicklung und Veränderungsprozesse

Das Video von der „Halbzeitveranstaltung“ Ende 2014, bei der über die ersten 3 Projekte berichtet wurde, bietet Ihnen einen kurzen Eindruck: https://youtu.be/9CtLpex3N6k

Weitere Informationen, das Anmeldeformular, die Preise für die Teilnahme an der interaktiven Konferenz am 11. Juni 2015 und für die Übernachtung im Nordkolleg finden Sie auf der Homepage und im Facebook. Bei Fragen zur Veranstaltung wenden Sie sich an +49 4331 143845 oder kulturwirtschaft@nordkolleg.de

Anmeldeschluss: 27. Mai 2015

Das Team von »Unternehmen! KulturWirtschaft« Lena Mäusezahl, Nele Tiemeyer, Jula Hoffmann, Stefanie Kurzbein und Arina Balohin freut sich auch über InteressentInnen aus Österreich! Ich werde an dieser Veranstaltung teilnehmen und dann hier im BLOG berichten.

Führen und Folgen: Was Manager vom Tanz lernen können II

Zum ersten Mal gab es heuer auf der wichtigsten internationalen Fachkonferenz zu diesem Thema, der Art of Management Conference in Kopenhagen, Dänemark, einen ganzen Stream zum Thema „Dance, Choreography and Organisation“. Brigitte Biehl-Missal (University of Essex; BSP Business School Berlin Potsdam) und Claus Springborg (Cranfield University und freiberuflicher Berater) haben zu dieser Serie eingeladen und konnten rund 12 Vortragende begrüßen und bis zu 40 Teilnehmer in den einzelnen Workshops.
Brigitte Biehl-Missal hat im Blogbeitrag „Führen und Folgen: Was Manager vom Tanz lernen können I“ bereits einen ersten Einblick in das Programm der Konferenz und dieses Streams geboten. Nun erfahren wir mehr über die einzelnen Veranstaltungen.

©Brigitte Biehl-Missal

©Brigitte Biehl-Missal

 

Brigitte Biehl-Missal:

„Offensichtlich sind „Führen“ und „Folgen“ nicht nur abstrakte Konzepte des Managementalltags, sondern haben ursprünglich etwas mit Bewegung zu tun und sind auch in Tanzformen zu finden. Diese Frage nach einem quasi verkörperten Verständnis von Führung, die die Organisation von Menschen im Zeit und Raum betrifft (so lässt sich übrigens auch der Begriff Choreographie definieren) ist relativ neu in der Managementforschung.

Nach unserer Einführung, die im ersten Blogbeitrag nachzulesen ist, sprach Fahri Akdemir (Viadrina Universität Frankfurt Oder) darüber, welche Führungsstrategien Choreographen anwenden, um Tänzer vor einem Auftritt in ein funktionierendes Team zu verwandeln. Es gibt Strategien, die zwar gut für die Performance sind, aber die Motivation senken können, etwa wenn Tänzer nur als „pack“ in der Gruppe performen dürfen und nicht als Individuum ihr Bestes geben können – genau wie in einer Organisation.
Sophie Bennett (Aberystwyth University) übertrug in ihrem Beitrag den Zirkus als Modell auf die zeitgenössische Organisation. Es geht um Kreativität, Zusammenspiel und den so genannten Flow (Theorie von Csikszentmihalyi), der Höchstleistung ermöglicht und viel mit dem Körper und Bewegung zu tun hat.

Lasse Lychnell (Stockholm School of Economics) leitete mit einer Übung zu Contact Improvisation ein: Die Teilnehmer mussten in der Bewegung immer mindestens einen Kontaktpunkt behalten, sei es ein Finger, Ellenbogen oder ein anderer. Hier zeigte sich, dass schon diese Organisation von Moment zu Moment stattfindet, und nicht nur kopfbasiert ist, sondern auf Impulsen und Reaktionen beruht. So geschieht effiziente Führung auch oft in anderen Kontexten.

Nina Bozic (Coach for Entrepreneurship and Innovation, Stockholm) untersuchte Tanz als Forschungsmethode und wie sie Innovation in Organisationen unterstützen kann. Wendelin Küpers’ (Karlshochschule Karlsruhe) betonte ebenfalls die relationalen, also zwischenmenschlichen Aspekte von Führung, die jeden Moment in der Interaktion neu verhandelt werden.

©The economic body

©The economic body

 

Anna-Mi Frederiksson (Tänzerin und Choreographin, Stockholm) erklärte ihre Tanz-Performance  „The Economic Body“ , die am Vorabend im Auditorium der Business School aufgeführt wurde. Sie stellte die Frage nach den sozialen Strukturen, die Menschen und ihre Interaktion quasi „choreographieren“ und überlegte, wie Menschen auf Organisationsdruck und verschiedenste Zusammenhänge reagieren und wie sich das in der Bewegung zeigt – und andersherum.

 

Bei Sue Shaw und Andrew Rowe (Manchester Metropolitan University) ging es um den Rhythmus der Erfahrung von Frauen, die von Firmen ins Ausland entsendet werden. Hier zeigt sich, dass der Arbeitsalltag körperlich empfunden wird, er ist rhythmisch oder dissonant, verzerrt oder zu schnell. Leistung und Arbeit sind also stark beeinflusst von Biorhythmus und dem persönlichen Empfinden im sozialen Kontext.

Fides Matzdorf und Ramen Sen (Sheffield Hallam University) leiteten uns zu einigen Figuren und Techniken des klassischen Turniertanzes an. Es wurde klar, dass Tanz eine Art Konversation in Raum und Zeit ist, mit eigener Grammatik, wie eine Sprache und ein sehr diszipliniertes Ausdrucksmedium. Der „Leader“ managed beim Paartanz die Routine, wie die Bewegung durch den Raum (Ausweichen, Überblick) und der „Follower“ ist verantwortlich für „the look“, dafür, dass es gut aussieht. Beiden ist daran gelegen, den anderen und das Team gut darzustellen. Es geht dabei nicht nur um Schrittfolgen, sondern um nonverbale Abstimmung, um die sofortige Reaktion auf Bewegungen und Richtungsänderungen. Auf dem Foto sehen wir Fides und Ramen bei der Bewegung sowie mich und Claus (links) nicht nur als Wissenschaftler und Stream-Koordinatoren, sondern ungewöhnlich zusammen als Tanz-Paar beim Versuch, die Theorie praktisch nachzuspielen.

©Brigitte Biehl-Missal

©Brigitte Biehl-Missal

Claus Springborg und Ian Sutherland teilten ihre Erfahrungen beim Einsatz von Tanzworkshops im Hochschulkontext. Kaum zu glauben: Teilnehmer eines MBA-Kurses waren nicht mal in der Lage, einem Chor aus Testpersonen ein überzeugendes Signal aus Gesten und Körperhaltung zum Einsatz zu liefern. Wie kann man nur mit so wenig körperlicher Ausdrucksstärke Mitarbeiter in Unternehmen zu etwas „bewegen“ wollen? Diese Episode unterstrich, wie notwendig solche kunstbasierten Interventionen wären.

In meinem abschließenden Vortrag „Gender, Movement and Organisational Leadership“ habe ich über den Zusammenhang von Bewegung und Gender gesprochen, der auch für die Wahrnehmung von Führungspersonen entscheidend ist. Nicht umsonst heißt ein soziologischer Klassiker in diesem Bereich „Throwing like a girl“ (Iris Marion Young, 1990). Wer keine Energie und Kraft in der Bewegung vermittelt, wird schnell mit Diminutiven bedacht und auch so wahrgenommen. Ich habe ein Beispiel aus dem klassischen Ballett diskutiert, wo Weiblichkeit über Kostüme und den vom Mann getragenen Pas-de-deux entsteht, sowie über modernen Tanz (Trisha Brown) gesprochen, der andere, selbstbestimmte Bewegungen zeigt. So müssen auch Frauen und Männer darüber nachdenken, dass der eigene körperliche Ausdruck stark dazu beiträgt, wie frau und man wahrgenommen werden.

Fazit: Mit dem ersten Zusammenkommen einer Gruppe von Wissenschaftlern zum Thema Tanz, Bewegung und Management auf dieser Fachkonferenz konnten wir ein neues Forschungsfeld definieren. Wir haben verschiedene Aspekte thematisiert, von dem eher theoretischen Ansatz von Tanz als Metapher über Tanz als Forschungsmethode zur Datensammlung bis hin zu Tanz als ästhetische Praxis, die unser Verständnis von Führung um viele körperbasierte und zwischenmenschliche Dimensionen erweitert. Die Praxis entwickelt sich parallel mit den Beraterinnen und Beratern, die Tanz und Bewegung zur Personal- und Organisationsentwicklung nutzen.“

Die “8th Art of Management and Organization Conference” wird 2016 an der IEDC Business School Bled, Slovenia stattfinden.

Auch Antje Hinz meint auf ihrem Medienportal MassivKreativ! dass Unternehmer von Tänzern lernen können und verweist auf die beiden Berichte I und II in unserem Blog. Interessant finde ich die Verbindung zwischen den Fragen zum Tanz und den Fragen an den Unternehmer in seiner Rolle als Chef. Hier einige Beispiele:

Fragen an die Tänzer:
Welche Vorgaben werden auf dem Parkett gemacht? Wie führt ein Tänzer und in welcher Weise kann der andere Partner folgen? Wieviel Freiraum lässt man sich gegenseitig? Auf welche Art des Tanzens bzw. auf welchen Stil hat man sich zuvor geeinigt? Will man sich lieber klassisch routiniert in traditionellen Bewegungs- und Rollenmustern präsentieren oder neue experimentelle, ungewöhnliche Wege wagen? Welche Ausstrahlung hat das Paar auf dem Parkett?

Fragen an den Unternehmer:
Haben Sie Ihre Rolle als Chef fest definiert? Welches Selbstbild und welchen Führungsstil tragen Sie nach außen? Sehen Sie sich als Solo-Performer oder als Paartänzer bzw. Team-Player? Welchen Part gestehen Sie anderen zu? Lassen Sie auch „Kapriolen“ oder „Pirouetten“ zu? Welche Rolle spielt das Publikum? Hat es Einfluss darauf, wie sicher Sie sich bewegen? Wie wirken sich Umgebung, Raum und Zeit auf Ihre Präsentation aus?

In einer Künstlerischen Intervention können Unternehmen zum Beispiel mit einer Tänzerin, einem Tänzer arbeiten. Antje Hinz motiviert dazu: „Finden Sie in einem Bewegungsworkshop heraus, in welcher Rolle Sie oder Ihre Mitarbeiter sich wohl fühlen! In welchen Situationen wirken Sie entspannt und authentisch? Erleben Sie hautnah, warum Sie mit der einen oder anderen Entscheidung Bauchschmerzen hatten. Finden Sie heraus, wieviel Wissen, Technik und Handwerk für Sie wichtig ist und wieviel Intuition. Wieviel Spontaneität und Improvisation ertragen Sie und Ihre Mitarbeiter? Was könnte Sie zusätzlich inspirieren und motivieren?“

Kunst irritiert – und wirkt!

„Künstlerische Irritationen in Unternehmen“ ist der Titel einer Publikation von Susanne Fenkart in der Zeitschrift momentum Vol. 3, No 2., nachzulesen unter

http://www.momentum-quarterly.org/index.php/momentum/article/view/80

Was mir besonders an dieser Arbeit gefällt ist

– Die gute Auswahl der drei Praxisbeispiele, die eine breite Palette von möglichen Kunst-Interventionen beschreiben. Einerseits zeigt Susanne Fenkart die Gemeinsamkeiten auf, gleichzeitig erstaunt gerade die völlig unterschiedliche Herangehensweise der KünstlerInnen und die Reaktion von Management und MitarbeiterInnen.

– Die Autorin stellt höchst spannende Fragen am Ende jeder Fallstudie, die dazu einladen, gleich selbst zu überlegen, wie man sich in einer solchen Situation verhalten würde.

– Die durchgängige Betrachtung des Themas Kunst und Organisationsentwicklung entsprechend den Prinzipien des Systemischen Management. Sie schreibt zum Beispiel, dass systemtheoretisch betrachtet Fortschritt durch Interventionen und Irritationen aus der Umwelt ausgelöst wird. Das sind die wesentlichen Elemente für Veränderungsprozesse und Weiterentwicklung in sozialen Systemen. Durch Irritation wird ein System gestört, auf etwas aufmerksam gemacht, angeregt. Die Kunst irritiert dadurch, dass sie nicht festlegt, wie sie die Realität beobachtet – kritisch, idealisierend, ironisch – ohne das Ziel gleich mit anzugeben. Kunst zeigt auf, dass mehr Kombinationen möglich sind als angenommen, dass alles auch anders gemacht werden könnte.

Damit erhöht sich die Chance, dass gewohnte Verhaltensweisen verändert werden, und zwar vom System selbst. Allerdings ist Widerstand unvermeidlich, denn die Systeme wehren sich zunächst gegen die Angriffe von außen. Fenkart zitiert den führenden systemischen Organisationsberater Fritz B. Simon (aus seinem Beitrag „Künstlerische Interventionen im wirtschaftlichen Kontext“ im Buch Oeconomenta):

„ Die Art des Wirksamwerdens, ohne dass die Wirkung vorhersehbar ist, wird als Irritation bezeichnet, das heißt, das Geschubstwerden wirkt auf das so behandelte System als „Störung“ oder „Anregung“ , auf die es seiner internen Strukturen gemäß reagiert. Auf diese Weise ist es in der Lage, aus Erfahrungen zu lernen und Strukturen wie Verhaltensschemata zu verändern.“

Susanne Fenkhart

Susanne Fenkart

Bereits 2011 sind mir die Arbeiten von Susanne Fenkart aufgefallen, als ich im Internet die Kurzbeschreibung ihrer Studie „Zum Verhältnis von Kunst und Wirtschaft“ fand. Seither sind wir in ständigem Mailkontakt, heuer im Mai haben wir uns dann endlich persönlich kennen gelernt. Neben dem Team um Ariane Berthoin Antal vom WZB Wissenschaftszentrum Berlin und unserem Team vom Institut für Kunst und Wirtschaft in Wien ist Susanne Fenkart eine der wenigen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Kunst und Wirtschaft beschäftigen. Deshalb schätzen wir den Austausch mit ihr ganz besonders.

Susanne Fenkart schloss 2013 ein Diplomstudium der Kunstgeschichte und gleichzeitig ihr Doktoratsstudium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Innsbruck ab. Für ihre Dissertation „Zum Verhältnis von Wirtschaft und Kunst“ führte sie 28 narrative Interviews mit Unternehmensvertretern und Bildenden Künstlern in Österreich, Deutschland, Italien und Liechtenstein. Die Arbeit wird im Herbst im Kulturverlag Kadmos erscheinen und ich werde natürlich das Buch hier im Blog besprechen. Anlässlich des Welttags der Wissenschaft am 10.11.2014 wird Frau Fenkart den Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg – Spezialpreis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses – im Landhaus Bregenz überreicht bekommen. Wir gratulieren!

Nun aber zu ihrer gerade erschienenen Arbeit „Künstlerische Irritation in Unternehmen“. Fenkart spannt den Bogen von der Kunst die immer schon gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme thematisiert hat über die Wirkung von Irritation auf den Fortschritt bis zu den Einsatzmöglichkeiten und der Wirkung künstlerischer Irritationen in Unternehmen.

Anhand von drei Beispielen zeigt sie dann die Vielfalt der Wirkungen auf. Eines dieser Praxisbeispiele, das Projekt „8 x 5 x 363 + 1“ der Künstlerin Raphaelle De Groots, kannte ich noch nicht und fand die Beschreibung so spannend, dass ich Frau Fenkart eingeladen habe, darüber einen Beitrag für diesen Blog zu schreiben. Sie werden die Geschichte über die Tuchfabrik Cittadellarte in Biella, Italien, also demnächst hier lesen können. Es geht um den Arbeitsalltag der MitarbeiterInnen, die durch punktuelle Handlungen der Künstlerin angeregt wurden, die eigene Arbeit zu reflektieren – eine sanfte Irritation der bestehenden Ordnung.

Die beiden anderen Beispiele können Sie sowohl in der Arbeit von Susanne Fenkart als auch in diesem Blog lesen – aus zwei Perspektiven, die einander ergänzen.

© Petri Virtanen Central Art Archives Helsinki

© Petri Virtanen Central Art Archives Helsinki

Da ist zunächst das umfassende unternehmerische Kunstengagement einer führenden Unternehmensberatung, der Droege Group in Düsseldorf, das seit rund 20 Jahren ein integraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie ist. Im Kunstkonzept von Droege wird davon ausgegangen, dass der Umgang mit Kunst zum Sehen anstiftet und damit einen Bewusstwerdungs-Prozess unterstützt.

Das dritte Fallbeispiel, „The Trainee“, ist wohl die eindeutigste „Irritation“ eines Systems. Oder wie würden Sie reagieren, wenn eine neue Praktikanten, die anfangs den Erwartungen gemäß gearbeitet hat, nun ruhig an ihrem Schreibtisch sitzt und offensichtlich NICHTS tut? Und wenn Sie auf Ihre Nachfrage antworten würde: „Ich denke nach“? Deloitte präsentierte das Projekt in zahlreichen Museen international und u.a. in seiner Lounge am Helsinki Vantaaa Airport.

Hier also nochmals die Einladung die Beispiele nachzulesen und der Link zur Arbeit von Susanne Fenkart:

http://www.momentum-quarterly.org/index.php/momentum/article/view/80

Und hier der Link zu den zwei Praxisbeispielen, die bereits in unserem Blog beschrieben wurden:

https://kunstundwirtschaft.wordpress.com/2012/10/15/the-trainee/

https://kunstundwirtschaft.wordpress.com/2013/10/21/das-kunstkonzept-von-droege-comp/

Raumgeboren: Kunst findet nicht nur im Museum statt

Wiesmüller

Erich Wiesmüller

Besuch im Atelier des Bildenden Künstlers Erich Wiesmüller

Einen Künstler im seinem Atelier zu besuchen ist ein besonderes Erlebnis. Im Rahmen des Atelierzyklus von Karin Kirste hatte ich bereits im März 2012 in illustrer Runde Gelegenheit das Atelier des Künstlers Erich Wiesmüller zu erforschen. Jeder Raum bot neue Möglichkeiten neugierig hinter die Kulissen zu schauen: Werke mitten im Arbeitsprozess, hunderte seiner berühmten Tagescollagen, minutiöse Klebebilder, Übermalungen, dann das Archiv an Materialien in Schachteln bis zur Decke, penibel geordnet, große und winzige Räume für Gespräche und die Bar für Kaffee und Dialog.

Für das Blog-Interview traf ich Erich Wiesmüller im November 2013 wieder in seinem Atelier – wieder mit völlig neuen Eindrücken und aktuellen Informationen. Gerade war sein „auftragsbuch“ in Berlin erschienen, ein „Kunstprojekt für raumgestalterisches Schaffen“. Es ist kein Präsentationskatalog sondern ein Kunstbuch. Jedes Exemplar ein Unikat, weil im Fall eines Auftrags darin das eigene Projekt dokumentiert wird. Sie können in diesem „auftragsbuch“  blättern, finden darin Ausschnitte aus seinen Arbeiten und spannende Texte. Um seine Arbeitsweise bei küstlerischen Interventionen zu verstehen, empfehle ich die Seite „Der Künstler greift ein“.

zum mitnehmen

Guerilla-Marketing © Erich Wiesmüller

Sind Sie auf der letzten Seite angelangt? Dann staunen Sie vielleicht, dass aus dem „auftragsbuch“ ein „wanderbuch“ wird.  Es startet nach dem System des Guerilla-Marketing im kunstaffinen Bereich, wird auf- und be-griffen und wandert und wandert, um letztlich bei einem Unternehmen mit der Tür ins Haus zu fallen und zu einer Intervention zu führen. Was braucht es dazu seitens des Unternehmens? Eine entspannte Atmosphäre, also keine gröberen Probleme, damit eine solche Intervention, die einen Bruch mit dem Gewohnten bedeutet, möglich ist. Damit die Menschen in der Organisation sich mit dem Werk auseinandersetzen und reflektieren können, welche Impulse, welche Irritation es auslöst, welchen Sinn es erst dadurch macht. Und möglichst leere Wände. Denn es sind Wandarbeiten, die in ganz engem Kontakt mit dem Unternehmen entstehen.

Inner.Circle © Erich Wiesmüller

Inner.Circle © Erich Wiesmüller

Ein Beispiel dafür ist das Projekt  Inner.Circle  für das Wiener Büro der internationalen Beratung Inner Circle Consultants, die im Bereich Executive Search, Board Consulting, Audits und Coaching tätig ist. Wenn Sie das Kunstwerk, das für diese Organisation von Erich Wiesmüller geschaffen wurde, nah heranzoomen und die Headlines und Satzfragmente lesen, dann merken Sie, dass die Branchenkompetenz des Unternehmens im Finanzbereich liegt.

„Ich habe dem Künstler völlig frei Hand gelassen und es war spannend zu sehen, wie er auf grund seiner Wahrnehmung unsere Organisation interpretiert. Was entstanden ist, das ist authentisch, das spürt man. Wiesmüller hat nicht nur unser Tätigkeitsspektrum als internationale Beratungsorganisation sondern speziell die Stimmung hier in unserem Wiener Büro erspürt und wiedergegeben.“ sagt Susanne Bixner, Partnerin und Leiterin des Wiener Büros von Inner Circle Consultants. „Das Feedback unserer Kunden ist sehr positiv. Sie sind überrascht und beeindruckt, wie unsere Art zu arbeiten einen künstlerischen Ausdruck findet, zum Beispiel dass es uns wichtig ist über den Tellerrand zu schauen. Das Kunstwerk zieht die Aufmerksamkeit auf sich, man findet immer wieder etwas Neues in der Vielfalt der Schnipsel aus Texten, Köpfen, Geldscheinen. Auch ich und mein Team haben noch nicht alles gesehen was dem Künstler aufgefallen ist. So sind wir motiviert immer wieder Details zu entdecken und uns darüber auszutauschen.“

Wertschätzung für die Mitarbeiter, Ressourcen und der Umwelt mit Achtsamkeit begegnen, sind dem Künstler wichtig. Er erlebt oft Mitarbeiter, die „durchgebraint“ sind, die ihre eigenen Stärken nicht mehr sehen, das eigene Potential nicht ausschöpfen. Deshalb lädt er sie ein darauf zu schauen, was in ihnen schon angelegt ist, ihre ureigensten Stärken aber auch Schwächen wieder zu entdecken  – und damit bewusst umzugehen.

Nach einem unserer Workshops für KünstlerInnen wurde Erich Wiesmüller Mitglied des KünstlerInnen-Pools des Instituts für Kunst und Wirtschaft. Im „auftragsbuch“ findet sich übrigens u.a. ein Zitat aus diesem Workshop: „Künstlerinnen und Künstler verfügen über besonders ausgeprägte Fähigkeiten der Wahrnehmung, Interpretation und Transformation. Der Künstler bringt seine Sichtweise ein, stellt in Frage, abstrahiert, verdichtet, löst und verknüpft neu.“ So entsteht eine Kunst-Intervention, die auf- und anregt, die stört und provoziert. Genau das ist ihr Zweck.

Informationen: www.raumgeboren.at

Das Kunstkonzept von Droege & Comp.

buch_das wie am wasIn einem dialogischen Prozess mit dem Kunstexperten Prof. Dr. Michael Bockemühl entwickelte die Unternehmer-Beratung Droege & Comp. Düsseldorf 1995 gemeinsam das Konzept, durch Kunst die eigene unternehmerische Kompetenz und Beratungsqualität und damit auch die Kompetenz der Kunden zu ihrer Eigenentwicklung zu steigern. Das Ergebnis war

  • die Integration von Kunst in die Unternehmenskultur,
  • ein Zusatz zum Unternehmens-Claim (der übrigens noch heute gilt) „Beratung ist Umsetzung“, nämlich „…. nach allen Regeln der Kunst“,
  • die Integration des Kunstkonzepts in das Kerngeschäft der Beratung und in das Qualifizierungssystem und
  • ein Buch, in dem der Weg zum Konzept, das Kunstkonzept in der Praxis und sein Nutzen für Berater und Kunden ausführlich beschrieben werden.

Autoren sind der Kunstexperte Bockemühl (1943 – 2009), damals Professor für Kunstwissenschaft und –vermittlung an der Hochschule Witten-Herdecke und der (damals) geschäftsführende Partner von Droege, Thomas Scheffold (seit 2012 Generalbevollmächtigter von Droege International). Der Titel des Buches „Das Wie am Was“ drückt aus, dass es um das „Wie“ geht, um die Art und Weise des Vorgehens beim Wahrnehmen und Gestalten – sowohl in der Kunst als auch in der Unternehmensentwicklung. Die Autoren führen (auch mit vielen Abbildungen von Kunstwerken) vor Augen, dass die spezifischen Vorgehensweisen, die Prozesse und Regeln künstlerischen Handelns, die in der Kunst zu Spitzenqualität führen, auch in Wirtschaftsunternehmen wirksam eingesetzt werden können.

Kunst als kreativer Impulsgeber

Der Umgang mit Kunst stiftet an neu zu sehen, neu zu erkennen. Durch diese neuen Sehweisen erweitert sich auch der Spielraum unseres Handelns. Die Kunst eröffnet damit neue Dimensionen für das Handeln. Durch Kunst entwickeln die MitarbeiterInnen ihre Wahrnehmungsfähigkeit und lernen, die Phänomene der Kunst auf die Problemstellungen der Kundenprojekte zu übertragen. Thomas Scheffold von Droege fasst es so zusammen:
„Der Umgang mit Kunst gibt uns Anregungs- und Reflexionsmöglichkeiten, um bei unserer beruflichen Tätigkeit Routinelösungen zu umgehen.“

Es wurden im Berater-Team 13 Regeln der Kunst formuliert und dazu die kongruenten Regeln der Beratung gesucht. Zwei Beispiele:

Kunst macht sichtbar. Kunst lehrt sehen.
Beratung schafft neue Sichtweisen.
– Gestaltungsmöglichkeiten sehen und umsetzen
– das Erkennen bereichern
– Transparenz herstellen

Kunst macht Unmögliches möglich.
Beratung findet Möglichkeiten.
– neue Durchbrüche erreichen
– Grenzen ausloten
– kein Respekt vor Heiligen Kühen

Bei der Wahl der KünstlerInnen, die für die Zusammenarbeit gewonnen wurden, stand immer die Wirkung ihrer Kunstwerke im Sinne von Inspiration und Impulsgebung für die Beratungsarbeit im Vordergrund. Wichtig waren auch die Gespräche zwischen den Künstlern und den Beratern, die sich trotz der unterschiedlichen Persönlichkeiten als lebendiger Austausch entwickelten.

Das Projekt war als permanenter Lernprozess angelegt. Das Buch zeigt daher den aktuellen Status nach rund zwölf Jahren Erfahrung aus einem auf ständige Weiterentwicklung angelegten Arbeitsprozess. Inzwischen sind fast 20 Jahre vergangen und Droege ist heute ein Internationales Beratungs- und Investmenthaus. Das Kunstkonzept ist nach wie vor ein integrierter Teil der Unternehmensphilosophie und kann auf der Homepage unter dem Link „Das Wie am Was“ nachgelesen werden.

http://www.droege-group.com/de/wie-am-was/

Michael Bockemühl, Thomas K. Scheffold „Das Wie am Was – Beratung und Kunst. Das Kunstkonzept von Droege & Comp.“, 2007, Verlag Frankfurter Allgemeine Buch, ISBN-13: 978-3899811339

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