Künstler geben Feedback zu Ihrem Leadership-Stil

Ist die Rolle des Dirigenten im Orchester mit der Rolle der Führungskraft in einer Organisation vergleichbar? Im November 2010 hörte ich dazu die Meinung des Musikers Albert Schmitt, früher Kontrabassist in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, seit mehr als 20 Jahren ihr Geschäftsführer. Der internationale Erfolg des Orchesters ist eine spannende und lehrreiche Geschichte. Mich interessierte damals mehr, wie durch die Zusammenarbeit von Organisationen und Künstlern Neues entstehen kann. Das war Thema des Symposiums „Kunst fördert Wirtschaft“ in Dortmund, organisiert von einer der Pionierinnen auf diesem Gebiet, Frau Prof. Ursula Bertram, IDfactory/Zentrum für Kunsttransfer. Hier mein Bericht über dieses Symposium.

Albert Schmitt © Kammerphilharmonie Bremen

Albert Schmitt schilderte zunächst die klassische Rolle des Dirigenten. Er oder sie entwickelt die Vision der persönlichen Interpretation eines Musikstücks. Die Musiker sind die Ausführenden. Eine effiziente Top-down-Struktur. Nun sind Musiker aber hochtalentierte, kreative Spezialisten und Profis, die sich auch gegenseitig befruchten. Schmitt: „Wer kreative Menschen zu Höchstleistungen anspornen will, muss ihnen auch Gestaltungsspielraum zugestehen.“1)

Daher scheint sich in Orchestern genau so wie in Organisationen ein Kulturwandel zu ereignen. Auch in Organisationen ist es einerseits Aufgabe der Führungskräfte eigenständig zu gestalten, Visionen zu entwickele, die Kultur zu prägen, die Werte zu leben und zu vermitteln, klare Entscheidungen zu treffen. Sowohl in Orchestern als auch in Teams sind die Menschen unterschiedlich, darauf muss ein Leader mit Aufmerksamkeit und Empathie eingehen. Das gelingt, wenn die Menschen unterstützend geführt werden und sie ihre Potenziale entwickeln können.

Hernstein-Training mit Profi-Musikern

Die Analogie zwischen der Aufgabe einer Führungskraft und der eines Dirigenten klingt  überzeugend – ich hatte aber noch Vorbehalte. Daher nahm ich sehr gern vor kurzem an der Online-Präsentation des Hernstein-Seminars „The Sound of Leadership“ mit dem Dirigenten Florian Schönwiese teil. Auch Schönwiese berichtete vom Wandel, der sich in den letzten Jahren in vielen Orchestern vollzogen hat. Heute erwarten Orchester mit einem Dirigenten auf Augenhöhe und gegenseitigem Respekt zusammenzuarbeiten.

Florian Schönwiese © Stephan von der Decken

Sie sind selbstbewusst, fordern Gestaltungsspielraum und wollen überrascht werden. Schönwiese nennt als Beispiel die Mexikanerin Alondra de la Parra. Ich habe ein Interview mit dieser Dirigentin gefunden, in dem sie über ihren Kommunikationsstil spricht: „Das wunderbare an einem Orchester ist, Veränderungen und Fehler sind innerhalb kürzester Zeit zu bemerken. In Organisationen können solche Prozesse Jahre dauern. Fehler können sogar Spaß machen, wenn es darum geht, den besten Ausweg zu finden. Was wird passieren? Wird er uns aus der Bahn werfen – oder profitieren wir von dem Adrenalinschub und werden am Ende sogar besser, stärker als Gruppe?“

Alondra de la Parra © Salzburger Nachrichten

Wie können nun Führungskräfte aus diesen Erfahrungen lernen?

Florian Schönwiese hat langjährige Praxis als Geiger, Orchestermusiker und Kulturmanager. Erfahrungen, die er in die Arbeit mit Führungskräften einbringt. Seit 2014 nahmen mehr als 500 TeilnehmerInnen an den Seminaren des Profi-Musikers und Leadership-Trainers teil. Schönwiese setzt in seinen Seminaren die von ihm entwickelte Pratobello-Methode ein. Die Kraft der Musik und die Erfahrung von professionellen Musikern wird genutzt, um unmittelbar Haltungen, Werte, Kompetenzen und Fähigkeiten von Führungspersönlichkeiten zu erleben und ihnen zu einer erfahrungsbasierten Selbsterkenntnis zu verhelfen.

Vorab erhalten die Teilnehmer eine Aufnahme und auf Wunsch auch die Partitur einer Komposition, um hineinzuhören, sich damit vertraut zu machen und eine persönliche Vision der Interpretation zu entwickeln.

Probe © Stephan von der Decken

Bei der Probe schlüpfen sie dann in die Rolle des Dirigenten eines High-Performance-Teams und erleben unmittelbar die Wirkung ihrer Haltung und ihres Agierens auf das Team. Das Ensemble von vier Orchestermuskern, ein Streichquartett, stellt sich ganz auf dieses Dirigat der Führungskraft ein und das Ergebnis kann man sofort hören. Sie erfahren also im unmittelbaren Feedback wie sich alles was man tut und fühlt auswirkt: jede Geste, die Mimik, die Energie, die gesamte Körpersprache. AbsolventInnen bestätigen, dass sie genau in diesen Rückmeldungen Parallelen zu ihrer Führungsaufgabe erleben. Eine Erfahrungsbasierte Selbsterkenntnis!

Wie eine solche Probe abläuft kann man in diesem Video sehen.

Der Schwerpunkt im Seminar liegt sicher im ehrlichen, persönlichen Feedback der vier Profi-Musiker des Ensembles an jede einzelne Führungskraft. Ein Feedback, das in diesem Setting gut aufgenommen werden kann. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass es zu Diskussionen über Leadership-Stile kommt. Welcher Leadership-Stil ist beim „Einschwören“ eines Teams auf eine gemeinsame Aufgabe gefragt? Wenn der Dirigent eine klare Vorstellung von der Interpretation eines Musikstücks hat, wie kann er das jedem einzelnen Musiker und dem Orchester als ganzem Klangkörper näher bringen? Gilt da „Making others better through your guidance and presence“? Oder wie es die Dirigentin Oksana Lyniv ausdrückte: „Ich gebe einen Impuls ins Orchester, das damit weitere Impuls auslöst, die zu mir zurückkommen. Die wiederum verarbeite ich, verändere oder verstärke sie und schicke sie wieder zurück.“2)

Auf der Webseite von Florian Schönwiese können Sie viele Videos sehen und sich über Feedback von Kunden informieren.

Das Hernstein-Seminar findet am 16. Oktober 2020 in Wien statt.

Übrigens: Haben Sie schon herausbekommen, was Pratobello bedeutet?

1) Harvard Business Manager 2/2014
2) Die Zeit, No 39 vom 20.9.2018, Interview von Hannah Schmidt

Die Welt mit anderen Augen sehen

Das Feedback über die Wirkung von Künstlerischen Interventionen klingt etwas anders als nach klassischen Beratungsprojekten, nämlich so:

  • Es gibt mehr Lebensenergie und Lachen.
  • Wir wurden mutiger, einfühlsamer und einsichtiger.
  • Wir reden offen über Tabus.
  • Wir können unserer eigenen Kreativität trauen.
  • Wir haben ein besseres Teamwork-Feeling.
  • Es ist jetzt wirklich Kooperation und nicht nur gemeinsames Arbeiten.
  • Unsere Kultur und was sie für uns bedeutet ist uns nun bewusster.
  • Wir überschreiten Grenzen und unseren bisherigen Vorstellungsraum.
Balance_Kunstwerk in 1080 Wien
© Künstler Kurt Hofstetter
Foto Helga Stattler

Ihr Gewinn: Neue Perspektiven

Ein Gewinn ist also nicht Zuwachs an Organisationswissen, sondern das Bewusstsein für das eigene Tun, die Öffnung neuer Perspektiven. Die erlebte Irritation durch die Künstlerische Intervention kann bewirken freier, offener an die Arbeit heranzugehen, Zwänge und selbst auferlegte Restriktionen abzulegen, entspannter, ideenreicher zu sein – es sind qualitative Veränderungen, die für die Performance eines Unternehmens genutzt werden können.

Ein Unternehmer sagte zum Beispiel: „Ich weiß nicht was geschehen ist, die Leute gehen jetzt einfach grader und schauen mir in die Augen, wenn sie mich am Gang treffen.“

Man sieht die Welt mit anderen Augen. Das gilt sowohl für die einzelnen Personen als auch Gruppen/Teams und die Organisationsebene. Dabei verstärkt sich die Wirkung wechselseitig, der Funke springt über! Die Kraft der Irritation durch künstlerische Intervention liegt darin, Möglichkeitsräume zu eröffnen, in denen mit neuen Formen des Sehens, Denkens und Handelns experimentiert werden kann.

Kunst wirkt

Ein ärztliches Rezept, das keine Pillen oder Tropfen verschreibt, sondern einen Theater- oder Konzertbesuch – an ein solches Projekt erinnere ich mich dunkel, finde die Unterlage aber leider nicht mehr. Ich sehe das Rezeptformular vor meinem geistigen Auge. Es erheiterte mich damals, weil ich mir selbst oft ein Kulturerlebnis verschreibe um zu entspannen.

Wenn man das Stichwort googelt, liest man, dass Düsseldorfer Kinder- und Jugendärzte bereits 2009 Kultur auf Rezept verordneten. Eine gute Idee, die dann leider wieder versandete. Das Projekt wurde nun 2019 wiederbelebt. Um Sponsoren zu finden brauchte es scheinbar den wissenschaftlichen Beweis der positiven Wirkung. Nun liegt er auf dem Tisch: Londoner ForscherInnen haben in einer Langzeitstudie („Creative Health“) herausgefunden, dass kulturelle Aktivitäten positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Ärzte in Kanada können ihren PatientInnen seit 2018 ein Rezept für einen freien Besuch des Montreal Museum of Fine Arts verschreiben, berichtet das World Economic Forum auf seiner Homepage.

Inzwischen kommen Impulse auch von EU, UNO und WHO, die im November 2019 den ersten Weltbericht zu „Kunst und Gesundheit“ veröffentlichte, der etliche wissenschaftliche Erkenntnisse dazu bündelt.

Arts for Health

Am 5. Dezember war dann „Arts for Health“ in Wien das Thema des zweiten Workshops des Bundeskanzleramts aus der Reihe Creative Europe – Kultur und nachhaltige Entwicklung. Engagierte Diskussionen, bunte Kärtchen, neue Kontakte, Austausch von Meinungen und Visitenkarten – alles wie erwartet. Überraschend dann die Vorarbeit der ig kultur, die einen inhaltsschweren und künstlerisch gestalteten *) Themenband „Kultur als Rezept“ den TeilnehmerInnen druckfrisch auf den Tisch legte.

*)  Kunststrecke: Anagrammarbeiten von Georg Lebzelter

© ig kultur

Mit lesenswerten Beiträgen von Michaela D.Wolf, Theaterwissenschaftlerin; Susanne Blaimschein, Kulturmanagerin; Katherine Taylor, Forscherin und klinische Psychologin; Claudia Schnugg, Wissenschaftlerin; Claudia Spahn, Musikerin uva.… und mit einprägsamen Merksätzen:


„Ja, Tanz verfügt über ein wirksames Veränderungspotenzial.“
„Mit Kunst gegen die kollektiven blinden Flecken ein Zeichen setzen.“
„Kreative Interventionen sind effektiver als Psychopharmaka.“
„Rezeption wie Produktion von Kunst verlangt immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst.“
„Lebensmittel, die stärken: Freundschaft, Selbstwirksamkeit und Anerkennung.“

Aus den Beiträgen möchte ich zwei beschreiben
um Ihnen Appetit auf mehr zu machen.

Himmelsrichtungen – ein Projekt des KunstRaum Goethestrasse xtd

© KunstRaum Goethestrasse xtd, Graz

In Zusammenarbeit mit pro mente OÖ entstand diese mehrteilige Workshopreihe an der Schnittstelle Kunst und Soziales. In Expeditionen entlang der Himmelsrichtungen wurde Unbekanntes und Neues entdeckt. Die Touren führten die mehr als 130 TeilnehmerInnen über künstlerisch-kreative Methoden von der Realität in die Fantasie und wieder zurück. Begleitet von zwei professionellen FotografInnen entstanden Zeichnungen, Inszenierungen und Texte. Die abschließende Ausstellung war dann das Ergebnis eines gemeinsamen künstlerischen Prozesses. Diese Qualität und Wertigkeit ist bei solchen Projekten besonders wichtig, um den Lerneffekt zu intensivieren und Öffentlichkeit zu erreichen.

© petra.servus.at

Kunst in der Apotheke

Wie vielfältig ein künstlerisches Thema sein kann, zeigt die Arbeit von Elisabeth Schafzahl und Philipp Wegan, Labor für Kunst. Claudia Schnugg interviewte die beiden Künstler. Die Rezeptscheine werden bei diesem Projekt von Künstlerinnen und Künstlern gestaltet, inzwischen sind es bereits mehr als 150. Man findet darauf Bilder, Collagen, Noten, Texte, Gedichte – lauter kleine Kunstwerke, die skizzieren, wie potenziell heilende Mittel aussehen könnten. Die daraus entstandene Ausstellung wurde in der ehemaligen Josefsapotheke in Wien Meidling gezeigt, in Galerien, bei der Biennale in Venedig, Paris und demnächst im Steirischen Landesmuseum. Ziel ist zu hinterfragen, wie eine künstlerische Haltung zu einem Lebenselixier werden kann.

© Labor für Kunst

Ungewissheit als produktive Kraft begreifen

Gerade für Künstler sind Nicht-Wissen und Ungewissheit vertraute Orte. Können wir von den kreativen Disziplinen für eine bessere Wirtschaft und Gesellschaft lernen? Welche Fähigkeiten dabei helfen und wie wir künstlerisch handelnd damit umgehen können, erfahren Sie vom 18.-19.9.2019 bei der AGE OF ARTISTS #1 interaktiv in Workshops, Kunstinterventionen und Vorträgen.

Mit Widersprüchen, kritischen Fragen und Veränderungen gut umzugehen ist nicht selbstverständlich. Oft glauben wir mit alten Mustern, linearen Lösungen und mehr desselben zu einem Ergebnis zu kommen.

Für wen kann die Konferenz neue Impulse leisten? Für UnternehmerInnen und Führungskräfte aus Organisationen, die gestalten, entwickeln, verändern, bewegen wollen. Auch für Menschen aus der Kreativwirtschaft und Künstlerinnen und Künstler, die in die Gesellschaft hinein wirken wollen.

Die Masterminds von Age of Artists, Dirk Dobiéy und Thomas Köplin haben in den letzten Jahren auf der Basis von vielen Interviews und in interdisziplinären Gesprächsrunden ein Modell entwickelt, das Organisationen helfen soll, ihre Kreativitätskultur zu entwickeln.

Vernissage – sich einem Modell künstlerisch nähern

Die Hamburger Künstlerin Verna Wald hat sich diesem Modell künstlerisch genähert und eine Serie von acht Radierungen geschaffen. Diese werden bei der Konferenz erstmals öffentlich präsentiert und in einer Führung von Dirk Dobiéy mit dem Bezugssystem von Age of Artists verbunden.

Das Detailprogramm finden Sie auf der Site https://one.ageofartists.de

Als Inspiration einige Beispiele was Sie erwarten können:

Sandra Schürmann ist Sozialunternehmerin und hat 2005 die Projektfabrik in Witten gegründet. Sie wird zeigen, wie auf der Grundlage künstlerischen Schaffens Potenziale von Menschen freigesetzt werden können. Denn Kunst kann sich zum Lebensprinzip und ein Leben sich zum Kunstwerk entwickeln.
Christian Jeuck, Organisationsberater und Coach, hegt eine Leidenschaft für den Dialog als spezielle Form der Kommunikation. Im Zentrum steht für ihn die richtige Frage, um Prozesse voran zu bringen.

Bettina Brendle leitet die IT-Beratung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Eschborn bei Frankfurt. Als Expertin für Effectuation und Führungskraft ermutigt sie Mitarbeiter*innen Eigeninitiative zu entwickeln. Gemeinsam mit Dr. Eric Heinen-Konschak, Digitalisierungsberater, bearbeitet sie mit Ihnen ungewisse Situationen mit dem Ziel schnell ins Handeln zu kommen, Risiken zu begrenzen und Partnerschaften auszuhandeln. Zufall kann provoziert und genutzt werden.
Astrid Köppel wird mit Dynamic Facilitation einen freien offenen Raum gestalten, in dem kreativer Austausch spontan gelingen kann.

Dann werden der Komponist, Musiker, Pianist und Produzent Martin Kohlstedt, Nina Trobisch, Dramaturgin für Change und Leadership, Veronika Heisig, Choreografin und Performerin und einige andere mitwirken. Das Programm ist noch mitten in der Planungsphase.

Das Atelier

Parallel zur Konferenz trifft sich ein vielfältiger Mix engagierter Menschen aus Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft im Atelier. Sie werden mit gestalterischen Herangehensweisen und einer künstlerischen Haltung neue und radikale Impulse für Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln und immer wieder mit den Konferenz-TeilnehmerInnen in Austausch treten. Das Ergebnis soll ein „Maniflow“ (im Gegensatz zu einem Manifest) sein.

Das Atelier als Freiraum zur Entwicklung einer Gestaltungsutopie ist praktisch ausgebucht. Für die Konferenz gibt es noch Tickets!

Konferenz zum Umgang mit Ungewissheit
18.9. früher Abend bis 19.9. Abendveranstaltung
Bauhaushotel in Probstzella
Nähere Infos und Anmeldung: https://one.ageofartists.de

Bauhaushotel in Probstzella © http://www.bauhaushotel.com

Der Veranstaltungsort, das Bauhaushotel in Probstzella – eine Ikone der Bauhausarchitektur – liegt an der bayrisch-thüringischen Landesgrenze und ist sehr gut mit der Bahn zu erreichen. Der Bahnhof liegt direkt vor der Haustür.

Künstlerischer Störfaktor

Warum die Robert Bosch GmbH die 12. Etage des Forschungsgebäudes zum Experimentierraum erklärte

Das Zentrum für Forschung und Vorausentwicklung der Robert Bosch GmbH wurde 2015 errichtet. Rund 1700 MitarbeiterInnen arbeiten am Standort Renningen, etwa eine Stunde von Stuttgart entfernt daran, „Antworten auf die Fragen von übermorgen zu finden“.

Da gibt es Labors und Kommunikationsbereiche, ein Smart Life Lab, das Robotik Forschungslabor, ein Erprobungsgelände für Automobilsysteme und und und … hier ein Einblick    

Foto © kreativ-bund.de
In welchen Umgebungen finden kreative Prozesse im 21. Jahrhundert statt?

Das aus unserem Blickwinkel interessanteste Stockwerk ist das oberste, in dem sich der Experimentierraum „Platform 12“ befindet. Die Platform 12 ist eine Kooperation der Robert Bosch GmbH, der Akademie Schloss Solitude und des Künstlerduos Wimmelforschung.*) Auf rund 1000 m2 können die MitarbeiterInnen zehn Prozent ihrer Arbeitszeit als sogenannte „Concept Time“ frei verbringen. Sie tauschen sich hier mit KollegInnen aus anderen Abteilungen aus um Synergien zu finden und nutzen die Ausstattung des Raumes für eigene Projekte.

Inspirationsquelle für nachhaltigen Wandel
Foto © olaf_bach_lecture03

Welche Fragen stellen sich Forscher hinsichtlich der Zukunft? Und: Welche Fragen stellen sich Künstler?

Das Konzept der Platform 12 wurde von den Wimmelforschern Maren Geers (Darstellende Künstlerin) und Thomas Drescher (Bühnenbildner) und der Innovationsmanagerin von Bosch, Birgit Thoben, entwickelt.

Maren Geers & Thomas Drescher Foto © wp.de

Neben der Raumgestaltung und künstlerischen – auch provozierenden – Ausstattungselementen ist die ständige Anwesenheit des „künstlerischen Agenten“ entscheidend. Die Auswahl der Künstler erfolgt über die Ausschreibung eines Stipendiums der Akademie Solitude. Der Künstler, die Künstlerin beobachtet, irritiert, gibt Impulse, interagiert, öffnet das Denken. Ein künstlerischer Störfaktor, der indirekt einen Mehrwert für den Konzern generiert?

Bosch ist ein sehr alter, eher traditioneller Weltkonzern. Klassisches Ingenieursdenken führt zu erwartbaren Innovationen. Wie kommt man auf wirklich völlig Neues? Welches Maß an Chaos und Offenheit ist nötig?


Platz zum Suchen nicht zum Finden! Foto © ulli_hoffmann

„Emotional geht man in diesen Raum, wenn man nicht weiß was man sucht. Dort wo man Ideen kreieren kann oder auf der Suche nach etwas Neuem, das man weder kennt noch weiß wie es sich entwickelt.“ Birgit Thoben

Birgit Thoben Foto © Akademie Schloß Solitude

Dialog zwischen Forschern und Künstlern

Der Nutzen für die Forscherinnen und Forscher liegt darin, dass sie durch diesen Freiraum die Möglichkeit haben, in eine andere Welt jenseits der gewohnten Ordnung und Routine einzutauchen. Freiheit, Weitblick, Nonlinearität, Grenzen überschreiten, ständige Veränderung prägen den Raum.

Foto © dsc01407_bear

„Ich glaube auch, dass die Bereiche der Wirtschaft und Kunst trotz ihrer oft gegensätzlichen Ansätze sehr viel voneinander lernen können. Hierin liegt viel Potenzial für unsere Zukunft.“

Maren Geers

Zusätzliche Informationen

Auf der Seite von Schloss Solitude finden Sie ein spannendes Interview von Sophie-Charlotte Thieroff, der Koordinatorin des Projekts the art, science & business program an der Akademie Schloss Solitude, mit den Künstlern und der Innovationsmanagerin. Sie schildern den Raum als wandelbar. Er soll sich verändern und helfen, die gewohnten linearen und berechenbaren Strukturen über Bord zu werfen. Sie diskutieren auch, wie es gelingen kann, die Idee und Philosophie dieses Raumes für die Zukunft zu erhalten. Gewohnte Regeln und Überzeugungen zu verlassen, Grenzen auszuloten und zu überschreiten ist nicht selbstverständlich und braucht ständige Auseinandersetzung und Dialog.

Hier finden Sie das Interview in englisch, die deutsche Version am Ende des englischen Textes als pdf.

Aus der Perspektive der beiden Künstler können Sie über das Projekt im Buch „Wirtschaft trifft Kunst“, herausgegeben von Ulrike Lehmann, im Teil VI – Aussicht: Projekte von Kunst in Unternehmen lesen. Ein Buch, das auch auf meiner Besprechungsliste steht. Einen Auszug unter dem Titel „Ein Eingriff ins Gesamtsystem“ finden Sie auf der Seite der Initiative Kultur- & Kreativwirtschaft.

*) Über das Künstlerische Unternehmen Wimmelforschung (seit 2018 „Break’n Border) gibt es demnächst einen eigenen Blogbeitrag.

Art at the Hub

Das Palais Strozzi in der Lerchenfelderstraße kenne ich noch aus der Zeit als mein Finanzamt dort residierte. Nun ist das Palais Sitz des Forschungszentrums des Instituts für Höhere Studien und des Complexity Science Hub Vienna. Das CSH erforscht anhand der heute verfügbaren großen Zahlen komplexe Zusammenhänge (Where big data starts to make sense).

This place cries for art

Erstaunlich wie sich die Atmosphäre des Gebäudes und der Räume verändert, wenn nun Wissenschaftler dort arbeiten. Die noch dazu die Kunst und damit KünstlerInnen und Künstler hereingeholt haben. Zitat CSH Vienna: „When we first saw the big, white walls of Palais Strozzi we knew: This place cries for art.“

Seither gibt es einige Male im Jahr im „Art at the Hub“ Ausstellungen von Künstlern mit besonderem Bezug zur Wissenschaft. Dafür engagiert sich Laura Stöger!

Auch bei Studien des CSH geht es immer wieder um Kunst, z.B. beim Projekt „Hot streak“, in dem tausende CVs von Künstlern und Wissenschaftlern analysiert wurden um Erkenntnisse über besonders erfolgreiche Lebensphasen zu ermitteln.

Wendelin Pressl und das Universum

Also der ideale Ort für die Ausstellung einer Reihe von Werken des Künstlers Wendelin Pressl zum Geheimnis des unendlichen Universums. Die Arbeiten sind in den letzten Jahren entstanden, einige wurden bereits gezeigt. In dieser geballten Dichte auf einer Etage hinterlassen sie einen ganz besonderen Eindruck.


Foto © Wendelin Pressl

Wendelin Pressl ist ein vielfältiger Künstler: Fotografie, Malerei, Zeichnung, Installation, Aktion –  am besten nennt man es wahrscheinlich Objektkunst. Die ausgestellten Objekte zeigen aber auch eine klare Linie. Wendelin erspürt ein Phänomen, analysiert es, zerlegt es in seine Bestandteile und setzt es neu zusammen. Das meint er wahrscheinlich, wenn er seine Arbeit als „Basteln“ beschreibt!

Ist die künstlerische Arbeit nur ein ironischer Kommentar auf die ernsthafte wissenschaftliche Forschung, auf die exakte Mathematik? Gerade die Erforschung des Universums basiert auf großer Unwissenheit.

Ein schönes Beispiel dafür sind die Bilder, die das Weltraumteleskop Hubble in den Weiten des Weltalls von tausenden von Galaxien aufnimmt. Bilder davon findet man auf Wikipedia. Die Kuratorin Manuella Ammer schrieb „Es ist ein hilfloser und zugleich faszinierender Versuch, dem expandierenden Weltall mit Hilfe von herkömmlichen Techniken der Abbildung und Vermessung beikommen zu wollen.“ Pressl legt in seinem Acrylbild „Hubble ultra Deep Field“ ein regelmäßiges Raster aus feinen Linien über einen fiktiven Ausschnitt des Universums, und weckt beim Betrachter die Illusion von Wahrheit.

Foto © Wendelin Pressl

Denn unsere Erwartungshaltung an die Wissenschaft ist Fakten/Wissen/Wahrheit zu produzieren. Wendelin Pressl konterkariert diese Erwartungshaltung, die Grenzen zwischen wahr und falsch werden spielerisch ausgelotet. „Humor dient Pressl als Trägermedium: mit feinem Augenzwinkern gibt er BetrachterInnen die Chance, lustvoll hintergründige Ironie zu erkennen.“ schreibt Petra Sieder-Grabner in den ARTFaces zu Wendelin Pressl. Pressl baut auch scheinwissenschaftliche Messgeräte – wie die Weltanschauungsapparatur, den Analyser, den Planetomat – denen man zwar auf den ersten Blick misstraut. Trotzdem ist die Neugierde so groß, dass man der Versuchung nicht widerstehen kann!

Weltanschauungsapparatur_Foto © Helga Stattler

Die Ausstellung muss man also nicht nur „sehen“, sondern „selbst erfahren“ – das ist Teil des Konzepts von Wendelin Pressl. Bis 30. April ist das noch möglich!

einen Blick riskieren_ Foto © eborangalerieWien

PS: Im Verlauf der Vernissage gab es ein spannendes Gespräch zwischen dem Künstler Wendelin Pressl und dem Komplexitätsforscher Leonhard Horstmeyer, ausgezeichnet moderiert von Elisabeth J. Nöstlinger, Ö1 Wissenschaftsredaktion. Wie nah und auf Augenhöhe sich da Wissenschaft und Kunst waren!

v.l.n.r.: Nöstlinger, Pressl, Horstmeyer_ Foto © Helga Stattler

Leider habe ich nicht mitgeschrieben und es gibt auch keine Aufzeichnung davon. Sehr schade. Es wurde auch gesungen  – auch nicht dokumentiert! Aber ich habe auf Youtube den singenden Wendelin gefunden, im Duett mit dem Künstler Klaus Ludwig Kerstinger – sehr schön und außerdem sehr passend weil es schaut ja grad nach Frühling aus!

Ausstellung
Wendelin Pressl
Bei Angst hilft Mathematik
Palais Strozzi
1080 Josefstädterstraße 39
http://www.csh.ac.at

Die Business Class der Kunst

… nennt der Künstler Werner Reiterer die section.a. In dieser Bezeichnung stecken zwei Qualitäten: Kunst als erstklassiges Transfermittel für die Wirtschaft – und Spitzenleistungen aller Beteiligten. Die section.a, Art Design Consulting GmbH, entwickelt Projekte an der Schnittstelle Kunst, Design und Wirtschaft.

Die Zusammenarbeit mit KünstlerInnen, GestalterInnen und KollegInnen bezeichnet das Team um Katharina Boesch und Christine Haupt-Stummer als vielschichtig und inspirierend. Wenn alle Beteiligten offen sind für Ideen, auch für ungewöhnliche, dann entsteht tatsächlich etwas Neues, Überraschendes.

Beispiele dazu:

Anlässlich des Jubiläums 180 Jahre Eisenbahn in Österreich entwickeln acht KünstlerInnen Lichtinstallationen für die Hauptbahnhöfe.

starsky,WOHIN.eine subjektive. Foto © ÖBB und KünstlerInnen

Die Installation der Künstlerin starsky (Julia Zdarsky) für den Salzburger HBH visualisiert Bewegung, Reisen, Vorübergleiten von Landschaft und Städten, Ankommen und Verweilen.

Clemens Fürtler, o.T. Foto © ÖBB und KünstlerInnen

Clemens Fürtler hat für den HBH St. Pölten aus Modellbauteilen eine Skulptur zusammengesetzt, die einen endlosen, dreidimensionalen Loop über drei Stockwerke bildet.

Für das ACF Austrian Cultural Forum London wurden 10 KünstlerInnen eingeladen, Arbeiten zu entwickeln, die ein kaleidoskopartiges Portrait der Institution entstehen lassen sollten.

Die Arbeiten waren in die Räume des Forums integriert

Vesta Krose, Unique Bond.
Foto © KünstlerInnen


Gemeinsam ist den Projekten: keine konventionellen Zugänge sondern ein kritischer Blick, der zu Reflexion, Ironie und Dialog einlädt. Auf der neuen Homepage der section.a kann man anhand zahlreicher Projektbeispiele diese Arbeitsphilosophie nachvollziehen. t

„Drehmoment“- Kunst trifft Industrie

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Eröffnung Drehmoment 2018_ Foto © Frank Kleinbach

Stuttgart wollte es wissen: Was passiert, wenn Kunst und Produktion aufeinandertreffen? Das Projekt »Drehmoment« öffnete der Kunst den Zugang zu industriellen Ressourcen des Wirtschaftsstandorts Region Stuttgart. In 22 Städten und Gemeinden entstanden im Vorjahr innovative Kunstwerke in Zusammenarbeit mit den regionalen Unternehmen – vom Startup über mittelständische Familienunternehmen, einer Kirche bis hin zum Global Player.

Der künstlerische Leiter des Projekts, Benjamin Heidersberger, hat diese Unternehmen mit Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Sparten zusammengebracht. Sein Ziel war das Zielgerichtete, Planbare der Industrie und die kreative Kraft der Kunst zu verbinden – und einen „Drehmoment“ auszulösen.

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Foto©Joachim Motti

Der künstlerische Leiter des Projekts, Benjamin Heidersberger, hat diese Unternehmen mit Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Sparten zusammengebracht. Sein Ziel war das Zielgerichtete, Planbare der Industrie und die kreative Kraft der Kunst zu verbinden – und einen „Drehmoment“ auszulösen.

34 nationale und internationale Künstler arbeiteten mit den jeweiligen Materialien und Maschinen des Partnerunternehmens an neuen Kunstwerken. Die meisten auch partizipativ mit den MitarbeiterInnen oder mit der Bevölkerung des Ortes. Die künstlerischen Arbeiten sollten Impulse geben, dem Wandel in der Arbeitswelt (Robotik, Digitalisierung, Kooperation Technik-Mensch usw.) mit neuen Sichtweisen zu begegnen und so innovative, kreative Prozesse anzustoßen.

Von den Projekten gibt es Videos – es lohnt sich einen Blick darauf zu werfen, auch um zu verstehen, wie die Künstler die Themen für ihre Arbeit gefunden haben: Videos

Ein paar Beispiele als Anregung:

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Foto © Frank Kleinbach

Der Künstler Roland Schmitz hat die Geschichte des Ortes Remseck/Neckar, Standort der Stahlbau Urfer GmbH, mit seiner Arbeit sichtbar gemacht. Willkürliche Grenzziehungen in der Geschichte sind keine Seltenheit und wirken noch nach Generationen nach. Aus sechs Stahlplatten, die den Formen der Stadtteile entsprechen, die in den 70er Jahren zusammengelegt wurden, fertigte Schmitz eine 4 Meter hohe Stahlfigur, die am Neckarufer aufgestellt wurde.
Video

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Foto © Frank Kleinbach

Bei einem anderen Projekt entschloss sich das Künstlerduo Nora Al-Badri & Nikolai Nelles die sehr aktuelle Frage der Zukunft der Arbeit zu thematisieren und arbeitete mit MitarbeiterInnen aller teilnehmenden Unternehmen. Wenn durch Digitalisierung und Automatisierung die Befürchtung wahr wird, dass die Menschen viel weniger Arbeit haben, dann könnte die Fähigkeit des Müßiggangs wichtig werden. Die Workshops fanden am Internationalen Forschungscampus Arena 2036 statt. Dessen Vorstand DI Peter Froeschle bestätigt: „Ein gelingender Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung bringt eine Öffnung des Mindsets für neue Ideen, die für die Mensch-Maschine-Kooperation dringend gebraucht werden.“
Video

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Foto©KulturRegion Stuttgart

Die Künstlerin Pia Lanzinger ging mit ihrem Projekt »ARCHE ATLANTA« nicht von den Produkten des Partnerunternehmens aus, sondern von den Migrationsgeschichten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dabei wurde klar, dass Ein- und Auswanderung keine neuen Phänomene sind. Sie nutzte das biblische Bild der Arche, um deutlich zu machen, dass unterschiedliche Herkunftsgeschichten für ein harmonisches Miteinander keineswegs ein Hindernis darstellen. In einer Performance setzten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Lebensgeschichte live in Szene.
Video

Die Schatztruhe öffnen – Potenziale der MitarbeiterInnen entfalten!

Entwicklung und Erfolg hängen davon ab, ob die Schätze an Kreativität, Erfahrung, Energie und Lust am Neuen, die bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorhanden sind, in den Organisationen gesehen, geschätzt und aktiviert werden. Das gilt besonders für implizites Wissen und Fähigkeiten, die aufs Engste mit der jeweiligen Person verknüpft.

Dazu müssen herkömmliche Routinen und Verhaltensweisen hinterfragt, neue Ideen ausprobiert und auch Fehler gemacht werden dürfen. Gibt es Zeit und Raum fürs Reflektieren, fürs Experimentieren? Gibt es die dafür erforderliche Kultur im Unternehmen? Wie steht es um die Selbstsicherheit der Mitarbeitenden? Sind sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst und können sie sich durch ihre Arbeit weiter entwickeln?

Wie wichtig es ist das Potenzial, das in der Organisation schlummert, freizusetzen, dafür gibt es reichlich Literatur, Konzepte und Appelle. Aber WIE erreicht man dieses Ziel in der Praxis?

Auf den ersten Blick sind natürlich die UnternehmerInnen und Führungskräfte gefordert. Kerngeschäft des Managements ist, zukunftsorientiert die Voraussetzungen für ständige Veränderung zu schaffen. Aber viele sind selbst gefangen in den gewohnten Denkmustern. Der Druck, der heute überall herrscht, hindert ebenfalls daran mutig zu sein und Neues anzupacken. Manchmal braucht es einfach einen Impuls von außen, um Veränderungsprozesse anzustoßen.

Experten für den Blick von außen sind Consultants. Der Auftrag an sie ist aber meist mit konkreten Zielen verbunden. Fachberatung fokussiert auf Inhalte, Stärken und auf „mehr desselben“. Systemische Beratung hat zwar einen ganzheitlichen und prozessorientierten Blick auf Zusammenhänge, orientiert sich aber auch eher an vorhandenen Ressourcen. So kann das „radikal Neue“ nicht entstehen. Es erfordert einen völlig anderen Blick auf Menschen, Themen und Zukunft. Es geht darum, das eigene Unternehmen und die eigene Tätigkeit mit anderen Augen zu sehen.

Deshalb entdecken immer mehr UnternehmerInnen und ManagerInnen die Chance, die ihnen die Irritation durch den unverfälschten, offenen und kritischen Blick von Künstlerinnen und Künstlern eröffnet. Der renommierte Organisationsberater Edgar Schein von der Sloan School am MIT argumentiert: „Art and artists stimulate us to see more, hear more, and experience more of what is going on within us and around us.“ [1]

ZeitschriftCoverIn der Zeitschrift „supervision 01_2015“ erschien mein Artikel „Kunst irritiert – und wirkt“. Ich beschreibe in diesem Beitrag, wie Irritationen, die Künstlerinnen und Künstler bei Mitarbeitenden in Organisationen auslösen, zu neuen Perspektiven,Verhaltensänderungen und wirtschaftlichen und sozialen Innovationen führen können. Anhand internationaler Praxisbeispiele (Deloitte, Gaulhofer Industrieholding GmbH, i3tex – technischen Beratung Schweden, Rechtsanwaltssozietät Köln, dm Drogeriemarkt) wird diese Form Impulse zu setzen, die Künstlerische Intervention, anschaulich gemacht.

Irritation kann unterschiedlich empfunden werden: Sie stört, sie verwirrt, sie lässt kurz innehalten – und löst Widerstand aus, denn Systeme wehren sich zunächst gegen Angriffe von außen. Dann aber wird die Irritation fast immer als Anregung erlebt und das ist die Chance: Ich werde neugierig, ich beginne zu denken, ich denke bisher Nicht-Gedachtes, erlebe etwas ganz neu, nehme etwas Unbekanntes wahr. Meine Beurteilung der Situation ändert sich, ich entdecke neue Handlungsmöglichkeiten. Dann kann diese Irritation befreiend sein, sie wird zur Inspiration, eröffnet mir neue Sichtweisen und Möglichkeiten, sie überrascht mich – aha! So geht es auch, sogar besser!

Da der Artikel auf der Homepage von supervision nicht downloadbar ist, maile ich ihn gern, wenn Sie mir Ihre Email-Adresse bekannt geben.

[1] Schein, E., (2001). The role of art and the artist. Reflections 2(4):81-83

Wirf einen Stein ins Wasser – dann entstehen Wellen!

©Nordkolleg Rendsburg

©Nordkolleg Rendsburg

Mehr als 100 InteressentInnen folgten der Einladung „Hereinspaziert“ des Teams von „Unternehmen! KulturWirtschaft“ im Nordkolleg Rendsburg. Dann hieß es Manege frei für die Protagonisten*) der acht Pilotprojekte künstlerischer Interventionen, deren Abschluss mit einer vielfältigen Veranstaltung gefeiert wurde.

Acht Unternehmen waren mutig genug sich auf etwas Neues, eine künstlerische Intervention, einzulassen, darunter auch das Nordkolleg und das Team rund um Lena Mäusezahl, die Intermediäre = Prozessbegleiter dieser Projekte. Sie wollten die künstlerische Intervention und ihre Wirkung hautnah selbst erleben. Alle Projekte waren durch die Unternehmer bzw. Geschäftsführer, durch MitarbeiterInnen und den / die KünstlerInnen vertreten und berichteten in lebendigen Geschichten und bunten Bildern über den Ablauf und die Ergebnisse.

Video-Dokumentationen aller Projekte, auch mit back-stage-Eindrücken, boten Einblick in die Abläufe. Auf der Seite www.massiv.kreativ.de von Antje Hinz können Sie ausführliche, informative Interviews von allen Beteiligten – den Managern, den Künstlern und den Mitarbeitern – zu den verschiedenen Projekten hören und sehen.

Wenn Sie eine kompakte Information bevorzugen, dann empfehle ich Ihnen dieses Videomit Szenen aus vier Interventionen:

Mit einem kreativen und kurzweiligen Veranstaltungsdesign, moderiert von Lena Mäusezahl und Nele Tiemeyer, gingen die Präsentationen in das fröhliche Abschlussfest über.

*) Ein Protagonist ist daran erkennbar, dass er im Verlauf der Geschichte eine Wandlung erfährt, sich also durch die Ereignisse und Erfahrungen weiterentwickelt. Bei diesen Pilotprojekten haben sich alle Beteiligten weiterentwickelt.

Der anschließende Workshop-Tag

Arbeitsgruppe_foto unternehmenkulturwirtschaft.de

Arbeitsgruppe_foto unternehmenkulturwirtschaft.de

bot Gelegenheit, das gemeinsame Verständnis von künstlerischen Interventionen zu schärfen. Der Begriff wird inzwischen für ganz unterschiedliche Aktionen verwendet, von der Kunst am Bau bis zu themenbezogenen Beiträgen von KünstlerInnen beim heurigen Forum Alpbach.
Unser Fokus: Künstlerische Kompetenzen für unternehmerische Fragestellungen einsetzen und damit Möglichkeitsräume öffnen.

In einer Zukunft voll automatisierter Arbeitsabläufe – Stichwort Industrie 4.0 – wird es noch offensichtlicher, dass sich Unternehmen nur mit den Fähigkeiten ihrer MitarbeiterInnen von der Konkurrenz abheben können. Dabei geht es um Kommunikation, um vernetztes Denken, Überschreiten von Grenzen, den weiten Blick auf das Ganze und vor allem um wirklich gute Zusammenarbeit. Geben Sie zu: Klappt das derzeit in Ihrem Unternehmen so, dass Sie sich nicht sorgen müssen? Gerade lese ich im Manager Magazin, dass 7 von 10 Führungskräften im mittleren Management von der Zusammenarbeit mit ihren KollegInnen im Team nicht begeistert sind.

Themen der Workshops waren u.a. die Rolle des Intermediärs, die Intervention aus Künstlersicht, der ideale Auftraggeber, die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt und wie genau das Ziel festgelegt werden soll – denn künstlerische Interventionen sind ergebnisoffen. Was heißt das?

Künstlerische Interventionen sind „ergebnisoffen“

Das interessierte die anwesenden Wirtschaftsleute, die sich von Beratung natürlich ein Ergebnis erwarten. Die bereits KI-erfahrenen Unternehmen erklärten: Das Ziel ist eine Verbesserung, der Prozess wird klar gesteuert, welche Intervention vom Künstler/der Künstlerin gesetzt und was wirklich erreicht wird, entwickelt sich im Prozess und das erleben alle Beteiligten unmittelbar – und die meisten berichteten über ein unerwartetes und überraschendes Erlebnis.

ArianeBerthoinAntalAriane Berthoin-Antal vom WZB (Wissenschaftszentrum Berlin) hatte die wissenschaftliche Begleitung der Projekte übernommen. Eines der Ergebnisse ist zum Beispiel der Fokus auf die Lernprozesse für alle Beteiligten. Damit wird der Intermediär zum Lernprozess-Begleiter. Und es wird klar, dass die Voraussetzung für ein gutes Projekt die Bereitschaft aller im Unternehmen ist, zu lernen und sich zu entwickeln. Das entspricht auch dem Beratungsansatz der Lernenden Organisation. Dann stellt sich auch nicht die (an sich wichtige) Frage, nämlich ob die Manager das überhaupt wollen. Wenn man will, dass alles so bleibt wie es ist, macht man besser keine künstlerische Intervention.

Was bringt das den Unternehmen?

Erinnern Sie sich an das letzte Kommunikationstraining? Wurde dessen Wirkung exakt bewertet? Die laute Frage nach dem Nutzen von künstlerischen Interventionen wird ja nur gestellt, weil diese innovative Form der „Beratung“ noch weitgehend unbekannt ist, man noch nie über die besonderen Fähigkeiten von KünstlerInnen nachgedacht hat und das Risiko eines Misserfolgs scheut.

UnternehmerInnen, Managern und MitarbeiterInnen die verstehen, dass Veränderungen und technologische Entwicklung immer einen Eingriff in soziale Gefüge bedeuten, bringt eine künstlerische Intervention sehr viel. Die Bedeutung der Menschen wurde bisher oft übersehen. Enttäuschende Ergebnisse nach Fusionen sind dafür ein gutes Beispiel.

©coachingprodukte-entwickeln.de

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Bei der „Fishbowl“*) zur Frage „Was bleibt?“ habe ich eine schöne Metapher notiert:
„Es ist vergleichbar mit einem Stein, den man ins Wasser wirft – dann entstehen Wellen, die sich in alle Richtungen bewegen!“

 

Hier einige Aussagen:

  • Es ist etwas in Bewegung gekommen
  • Die Identifikation mit dem Unternehmen ist wieder ein Thema
  • Potenziale wurden entwickelt
  • Über die emotionale Seite der Zusammenarbeit kann gesprochen werden
  • Perspektivenwechsel ist nunmehr „normal“
  • Bei strukturellen Änderungen werden die Menschen „mitgenommen“ und nicht nur informiert
  • Die Gespräche gehen weiter
  • Geschichten, Texte, Filme, Artikel, Artefakte,…

Für diese Nachhaltigkeit sind aber die Führungskräfte und MitarbeiterInnen verantwortlich, die KünstlerInnen und der Intermediär können sie dabei unterstützen und durch Reflexionsangebote das Bewusstsein dafür stärken.

*) Wie im Goldfischglas diskutiert im Zentrum eine kleine Gruppe, während im Außenkreis die Teilnehmerinnen zuhören. Ein leerer Stuhl ermöglicht jederzeit mitzureden.

©popup_drej-design

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Eine Pop-up-Ausstellung als künstlerisches Spiegelbild der Veranstaltung

Was mich bei der Veranstaltung noch besonders beeindruckt hat, war die Begleitung durch das Künstlertrio drej.

Die Künstlerinnen beobachteten die Diskussionen und brachten in Bildern und Statements die zentralen Themen, Fragen und Ideen „auf den Punkt“. In einer begehbaren Installation konnte man Kernsätze Revue passieren lassen und durch eigene Beiträge ergänzen.

Das Pop-up-Konzept hat auch Ariane Berthoin-Antal angesprochen. Sie widmet einen ganzen Blogbeitrag der Dokumentation der Veranstaltung durch die KünstlerInnen. Viel genauer können Sie darüber also auf dieser Site lesen und Fotos sehen.

foto h.stattler

pop-up-Ausstellung_foto h.stattler

Und die Zukunft?

Nach diesen „Pionier-Projekten“ sind nun offene und lernbereite Unternehmen gefragt, die sich für eine künstlerische Intervention interessieren, damit durch zahlreiche Projekte diese neue Form der Intervention zu einer bekannten und geschätzten Alternative in der Palette der Beratungsangebote wird.

Nordkolleg_foto h.stattler

Nordkolleg_foto h.stattler

Gebraucht wird auch eine Institution, die diese Initiative unterstützt und die künstlerische Intervention bekannt macht. Eine Idee war zum Beispiel eine Roadshow mit den Pionierunternehmen. Das gilt für Österreich genauso wie für Deutschland. Das Nordkolleg war für „Unternehmen! KulturWirtschaft“ eine ideale Homebase. In einer Akademie für kulturelle Bildung, mit dem offenen und engagierten Leiter Guido Froese und ansprechenden Arbeitsräumen mitten im gepflegt-wilden Grün des Gartenareals, sind künstlerische Interventionen optimal aufgehoben. Es wäre schade, wenn das Know-how des Teams um Lena Mäusezahl verloren ginge.

Zurück nach Wien mit Zwischenstopp in Hamburg habe ich dann entspannt am Alster-Ufer in der Dokumentation geschmökert und den Stand up PaddlerInnen an der Alster zugeschaut. Der Fotoapparat war leider im Bahnhof-Schließfach.

Dokumentation_foto h.stattler

Dokumentation_foto h.stattler

Dafür kann ich ein Foto der Dokumentation und das Inhaltsverzeichnis zeigen! Auf 100 Seiten gibt es Berichte über alle acht künstlerischen Interventionen, die beteiligten Künstler, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Rolle der Intermediäre.

Die Broschüre kann mit einer Email an kulturwirtschaft@nordkolleg.de bestellt werden, sie kostet € 15,- + Versandkosten.

Die erfolgreichen Praxisbeispiele aus Rendsburg geben nun ein Stück Sicherheit. Weitere aus anderen europäischen Ländern gibt es auch (dazu einiges unter „Praxisbeispiele“). Also holen Sie sich Anregungen und dann rufen Sie uns an!
Wir beraten Sie gern.

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