Künstlerischer Störfaktor

Warum die Robert Bosch GmbH die 12. Etage des Forschungsgebäudes zum Experimentierraum erklärte

Das Zentrum für Forschung und Vorausentwicklung der Robert Bosch GmbH wurde 2015 errichtet. Rund 1700 MitarbeiterInnen arbeiten am Standort Renningen, etwa eine Stunde von Stuttgart entfernt daran, „Antworten auf die Fragen von übermorgen zu finden“.

Da gibt es Labors und Kommunikationsbereiche, ein Smart Life Lab, das Robotik Forschungslabor, ein Erprobungsgelände für Automobilsysteme und und und … hier ein Einblick    

Foto © kreativ-bund.de
In welchen Umgebungen finden kreative Prozesse im 21. Jahrhundert statt?

Das aus unserem Blickwinkel interessanteste Stockwerk ist das oberste, in dem sich der Experimentierraum „Platform 12“ befindet. Die Platform 12 ist eine Kooperation der Robert Bosch GmbH, der Akademie Schloss Solitude und des Künstlerduos Wimmelforschung.*) Auf rund 1000 m2 können die MitarbeiterInnen zehn Prozent ihrer Arbeitszeit als sogenannte „Concept Time“ frei verbringen. Sie tauschen sich hier mit KollegInnen aus anderen Abteilungen aus um Synergien zu finden und nutzen die Ausstattung des Raumes für eigene Projekte.

Inspirationsquelle für nachhaltigen Wandel
Foto © olaf_bach_lecture03

Welche Fragen stellen sich Forscher hinsichtlich der Zukunft? Und: Welche Fragen stellen sich Künstler?

Das Konzept der Platform 12 wurde von den Wimmelforschern Maren Geers (Darstellende Künstlerin) und Thomas Drescher (Bühnenbildner) und der Innovationsmanagerin von Bosch, Birgit Thoben, entwickelt.

Maren Geers & Thomas Drescher Foto © wp.de

Neben der Raumgestaltung und künstlerischen – auch provozierenden – Ausstattungselementen ist die ständige Anwesenheit des „künstlerischen Agenten“ entscheidend. Die Auswahl der Künstler erfolgt über die Ausschreibung eines Stipendiums der Akademie Solitude. Der Künstler, die Künstlerin beobachtet, irritiert, gibt Impulse, interagiert, öffnet das Denken. Ein künstlerischer Störfaktor, der indirekt einen Mehrwert für den Konzern generiert?

Bosch ist ein sehr alter, eher traditioneller Weltkonzern. Klassisches Ingenieursdenken führt zu erwartbaren Innovationen. Wie kommt man auf wirklich völlig Neues? Welches Maß an Chaos und Offenheit ist nötig?


Platz zum Suchen nicht zum Finden! Foto © ulli_hoffmann

„Emotional geht man in diesen Raum, wenn man nicht weiß was man sucht. Dort wo man Ideen kreieren kann oder auf der Suche nach etwas Neuem, das man weder kennt noch weiß wie es sich entwickelt.“ Birgit Thoben

Birgit Thoben Foto © Akademie Schloß Solitude

Dialog zwischen Forschern und Künstlern

Der Nutzen für die Forscherinnen und Forscher liegt darin, dass sie durch diesen Freiraum die Möglichkeit haben, in eine andere Welt jenseits der gewohnten Ordnung und Routine einzutauchen. Freiheit, Weitblick, Nonlinearität, Grenzen überschreiten, ständige Veränderung prägen den Raum.

Foto © dsc01407_bear

„Ich glaube auch, dass die Bereiche der Wirtschaft und Kunst trotz ihrer oft gegensätzlichen Ansätze sehr viel voneinander lernen können. Hierin liegt viel Potenzial für unsere Zukunft.“

Maren Geers

Zusätzliche Informationen

Auf der Seite von Schloss Solitude finden Sie ein spannendes Interview von Sophie-Charlotte Thieroff, der Koordinatorin des Projekts the art, science & business program an der Akademie Schloss Solitude, mit den Künstlern und der Innovationsmanagerin. Sie schildern den Raum als wandelbar. Er soll sich verändern und helfen, die gewohnten linearen und berechenbaren Strukturen über Bord zu werfen. Sie diskutieren auch, wie es gelingen kann, die Idee und Philosophie dieses Raumes für die Zukunft zu erhalten. Gewohnte Regeln und Überzeugungen zu verlassen, Grenzen auszuloten und zu überschreiten ist nicht selbstverständlich und braucht ständige Auseinandersetzung und Dialog.

Hier finden Sie das Interview in englisch, die deutsche Version am Ende des englischen Textes als pdf.

Aus der Perspektive der beiden Künstler können Sie über das Projekt im Buch „Wirtschaft trifft Kunst“, herausgegeben von Ulrike Lehmann, im Teil VI – Aussicht: Projekte von Kunst in Unternehmen lesen. Ein Buch, das auch auf meiner Besprechungsliste steht. Einen Auszug unter dem Titel „Ein Eingriff ins Gesamtsystem“ finden Sie auf der Seite der Initiative Kultur- & Kreativwirtschaft.

*) Über das Künstlerische Unternehmen Wimmelforschung (seit 2018 „Break’n Border) gibt es demnächst einen eigenen Blogbeitrag.

Art at the Hub

Das Palais Strozzi in der Lerchenfelderstraße kenne ich noch aus der Zeit als mein Finanzamt dort residierte. Nun ist das Palais Sitz des Forschungszentrums des Instituts für Höhere Studien und des Complexity Science Hub Vienna. Das CSH erforscht anhand der heute verfügbaren großen Zahlen komplexe Zusammenhänge (Where big data starts to make sense).

This place cries for art

Erstaunlich wie sich die Atmosphäre des Gebäudes und der Räume verändert, wenn nun Wissenschaftler dort arbeiten. Die noch dazu die Kunst und damit KünstlerInnen und Künstler hereingeholt haben. Zitat CSH Vienna: „When we first saw the big, white walls of Palais Strozzi we knew: This place cries for art.“

Seither gibt es einige Male im Jahr im „Art at the Hub“ Ausstellungen von Künstlern mit besonderem Bezug zur Wissenschaft. Dafür engagiert sich Laura Stöger!

Auch bei Studien des CSH geht es immer wieder um Kunst, z.B. beim Projekt „Hot streak“, in dem tausende CVs von Künstlern und Wissenschaftlern analysiert wurden um Erkenntnisse über besonders erfolgreiche Lebensphasen zu ermitteln.

Wendelin Pressl und das Universum

Also der ideale Ort für die Ausstellung einer Reihe von Werken des Künstlers Wendelin Pressl zum Geheimnis des unendlichen Universums. Die Arbeiten sind in den letzten Jahren entstanden, einige wurden bereits gezeigt. In dieser geballten Dichte auf einer Etage hinterlassen sie einen ganz besonderen Eindruck.


Foto © Wendelin Pressl

Wendelin Pressl ist ein vielfältiger Künstler: Fotografie, Malerei, Zeichnung, Installation, Aktion –  am besten nennt man es wahrscheinlich Objektkunst. Die ausgestellten Objekte zeigen aber auch eine klare Linie. Wendelin erspürt ein Phänomen, analysiert es, zerlegt es in seine Bestandteile und setzt es neu zusammen. Das meint er wahrscheinlich, wenn er seine Arbeit als „Basteln“ beschreibt!

Ist die künstlerische Arbeit nur ein ironischer Kommentar auf die ernsthafte wissenschaftliche Forschung, auf die exakte Mathematik? Gerade die Erforschung des Universums basiert auf großer Unwissenheit.

Ein schönes Beispiel dafür sind die Bilder, die das Weltraumteleskop Hubble in den Weiten des Weltalls von tausenden von Galaxien aufnimmt. Bilder davon findet man auf Wikipedia. Die Kuratorin Manuella Ammer schrieb „Es ist ein hilfloser und zugleich faszinierender Versuch, dem expandierenden Weltall mit Hilfe von herkömmlichen Techniken der Abbildung und Vermessung beikommen zu wollen.“ Pressl legt in seinem Acrylbild „Hubble ultra Deep Field“ ein regelmäßiges Raster aus feinen Linien über einen fiktiven Ausschnitt des Universums, und weckt beim Betrachter die Illusion von Wahrheit.

Foto © Wendelin Pressl

Denn unsere Erwartungshaltung an die Wissenschaft ist Fakten/Wissen/Wahrheit zu produzieren. Wendelin Pressl konterkariert diese Erwartungshaltung, die Grenzen zwischen wahr und falsch werden spielerisch ausgelotet. „Humor dient Pressl als Trägermedium: mit feinem Augenzwinkern gibt er BetrachterInnen die Chance, lustvoll hintergründige Ironie zu erkennen.“ schreibt Petra Sieder-Grabner in den ARTFaces zu Wendelin Pressl. Pressl baut auch scheinwissenschaftliche Messgeräte – wie die Weltanschauungsapparatur, den Analyser, den Planetomat – denen man zwar auf den ersten Blick misstraut. Trotzdem ist die Neugierde so groß, dass man der Versuchung nicht widerstehen kann!

Weltanschauungsapparatur_Foto © Helga Stattler

Die Ausstellung muss man also nicht nur „sehen“, sondern „selbst erfahren“ – das ist Teil des Konzepts von Wendelin Pressl. Bis 30. April ist das noch möglich!

einen Blick riskieren_ Foto © eborangalerieWien

PS: Im Verlauf der Vernissage gab es ein spannendes Gespräch zwischen dem Künstler Wendelin Pressl und dem Komplexitätsforscher Leonhard Horstmeyer, ausgezeichnet moderiert von Elisabeth J. Nöstlinger, Ö1 Wissenschaftsredaktion. Wie nah und auf Augenhöhe sich da Wissenschaft und Kunst waren!

v.l.n.r.: Nöstlinger, Pressl, Horstmeyer_ Foto © Helga Stattler

Leider habe ich nicht mitgeschrieben und es gibt auch keine Aufzeichnung davon. Sehr schade. Es wurde auch gesungen  – auch nicht dokumentiert! Aber ich habe auf Youtube den singenden Wendelin gefunden, im Duett mit dem Künstler Klaus Ludwig Kerstinger – sehr schön und außerdem sehr passend weil es schaut ja grad nach Frühling aus!

Ausstellung
Wendelin Pressl
Bei Angst hilft Mathematik
Palais Strozzi
1080 Josefstädterstraße 39
http://www.csh.ac.at

Die Business Class der Kunst

… nennt der Künstler Werner Reiterer die section.a. In dieser Bezeichnung stecken zwei Qualitäten: Kunst als erstklassiges Transfermittel für die Wirtschaft – und Spitzenleistungen aller Beteiligten. Die section.a, Art Design Consulting GmbH, entwickelt Projekte an der Schnittstelle Kunst, Design und Wirtschaft.

Die Zusammenarbeit mit KünstlerInnen, GestalterInnen und KollegInnen bezeichnet das Team um Katharina Boesch und Christine Haupt-Stummer als vielschichtig und inspirierend. Wenn alle Beteiligten offen sind für Ideen, auch für ungewöhnliche, dann entsteht tatsächlich etwas Neues, Überraschendes.

Beispiele dazu:

Anlässlich des Jubiläums 180 Jahre Eisenbahn in Österreich entwickeln acht KünstlerInnen Lichtinstallationen für die Hauptbahnhöfe.

starsky,WOHIN.eine subjektive. Foto © ÖBB und KünstlerInnen

Die Installation der Künstlerin starsky (Julia Zdarsky) für den Salzburger HBH visualisiert Bewegung, Reisen, Vorübergleiten von Landschaft und Städten, Ankommen und Verweilen.

Clemens Fürtler, o.T. Foto © ÖBB und KünstlerInnen

Clemens Fürtler hat für den HBH St. Pölten aus Modellbauteilen eine Skulptur zusammengesetzt, die einen endlosen, dreidimensionalen Loop über drei Stockwerke bildet.

Für das ACF Austrian Cultural Forum London wurden 10 KünstlerInnen eingeladen, Arbeiten zu entwickeln, die ein kaleidoskopartiges Portrait der Institution entstehen lassen sollten.

Die Arbeiten waren in die Räume des Forums integriert

Vesta Krose, Unique Bond.
Foto © KünstlerInnen


Gemeinsam ist den Projekten: keine konventionellen Zugänge sondern ein kritischer Blick, der zu Reflexion, Ironie und Dialog einlädt. Auf der neuen Homepage der section.a kann man anhand zahlreicher Projektbeispiele diese Arbeitsphilosophie nachvollziehen. t

Lassen Sie sich von Zitaten über Kunst und künstlerisches Denken inspirieren

Foto © Pinterest

Immer wenn ich ein Statement lese, das mir einen neuen Blick auf die Rolle von Kunst und KünstlerInnen in der Gesellschaft öffnet, füge ich es der Zitatenbox hinzu. So hat sich in den letzten Monaten ein ziemlicher Schatz angesammelt. Ich lade Sie ein, darin zu stöbern!

Die Zitatenbox finden Sie in der Kategorie Glossar/Zitatenbox, ans Ende des Glossars scrollen.
Oder noch einfacher:
Zitate ins Feld „Suchen“ eingeben und LOS!

Als Appetizer hier drei Zitate, die mich besonders inspiriert haben:

„Eine wichtige Funktion der Kunst in einer Zeit schwerer globaler Krisen ist jene der Perspektive von außen, des reflektierenden Blicks, der zunächst aufrüttelnde Gefühls- und Gedankenprozesse auslösen kann, um schließlich zu unerwarteten Perspektivwechseln und dadurch auch zu neuen Problemlösungen zu führen.“
Karola Kraus, MUMOK

„Kunst wird oft von Menschen gemacht, die etablierte Bahnen verlassen. Gerade die Arbeitsweisen der Künstler und Kreativen können die Wirtschaft bereichern, gerade ihre Fähigkeit zu Spiel, zum Ausprobieren und auch ihre Kenntnis der Historie können das wirtschaftliche Handeln bereichern.“
Dr. Frank Berzbach, Autor, ecosign Akademie für Gestaltung

„Erst wenn wir es hinbekommen, Dinge zu kreieren anstatt Probleme aus der Welt zu schaffen, werden wir wirklich innovativ. Hier kann die Wirtschaft von der Kunst lernen. Ein Künstler fragt sich nicht, welches Problem er lösen möchte, sondern nimmt sich vor etwas zu erschaffen.“
David Cummins, Geschäftsführer, Ministry Group GmbH

„Drehmoment“- Kunst trifft Industrie

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Eröffnung Drehmoment 2018_ Foto © Frank Kleinbach

Stuttgart wollte es wissen: Was passiert, wenn Kunst und Produktion aufeinandertreffen? Das Projekt »Drehmoment« öffnete der Kunst den Zugang zu industriellen Ressourcen des Wirtschaftsstandorts Region Stuttgart. In 22 Städten und Gemeinden entstanden im Vorjahr innovative Kunstwerke in Zusammenarbeit mit den regionalen Unternehmen – vom Startup über mittelständische Familienunternehmen, einer Kirche bis hin zum Global Player.

Der künstlerische Leiter des Projekts, Benjamin Heidersberger, hat diese Unternehmen mit Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Sparten zusammengebracht. Sein Ziel war das Zielgerichtete, Planbare der Industrie und die kreative Kraft der Kunst zu verbinden – und einen „Drehmoment“ auszulösen.

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Foto©Joachim Motti

Der künstlerische Leiter des Projekts, Benjamin Heidersberger, hat diese Unternehmen mit Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Sparten zusammengebracht. Sein Ziel war das Zielgerichtete, Planbare der Industrie und die kreative Kraft der Kunst zu verbinden – und einen „Drehmoment“ auszulösen.

34 nationale und internationale Künstler arbeiteten mit den jeweiligen Materialien und Maschinen des Partnerunternehmens an neuen Kunstwerken. Die meisten auch partizipativ mit den MitarbeiterInnen oder mit der Bevölkerung des Ortes. Die künstlerischen Arbeiten sollten Impulse geben, dem Wandel in der Arbeitswelt (Robotik, Digitalisierung, Kooperation Technik-Mensch usw.) mit neuen Sichtweisen zu begegnen und so innovative, kreative Prozesse anzustoßen.

Von den Projekten gibt es Videos – es lohnt sich einen Blick darauf zu werfen, auch um zu verstehen, wie die Künstler die Themen für ihre Arbeit gefunden haben: Videos

Ein paar Beispiele als Anregung:

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Foto © Frank Kleinbach

Der Künstler Roland Schmitz hat die Geschichte des Ortes Remseck/Neckar, Standort der Stahlbau Urfer GmbH, mit seiner Arbeit sichtbar gemacht. Willkürliche Grenzziehungen in der Geschichte sind keine Seltenheit und wirken noch nach Generationen nach. Aus sechs Stahlplatten, die den Formen der Stadtteile entsprechen, die in den 70er Jahren zusammengelegt wurden, fertigte Schmitz eine 4 Meter hohe Stahlfigur, die am Neckarufer aufgestellt wurde.
Video

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Foto © Frank Kleinbach

Bei einem anderen Projekt entschloss sich das Künstlerduo Nora Al-Badri & Nikolai Nelles die sehr aktuelle Frage der Zukunft der Arbeit zu thematisieren und arbeitete mit MitarbeiterInnen aller teilnehmenden Unternehmen. Wenn durch Digitalisierung und Automatisierung die Befürchtung wahr wird, dass die Menschen viel weniger Arbeit haben, dann könnte die Fähigkeit des Müßiggangs wichtig werden. Die Workshops fanden am Internationalen Forschungscampus Arena 2036 statt. Dessen Vorstand DI Peter Froeschle bestätigt: „Ein gelingender Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung bringt eine Öffnung des Mindsets für neue Ideen, die für die Mensch-Maschine-Kooperation dringend gebraucht werden.“
Video

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Foto©KulturRegion Stuttgart

Die Künstlerin Pia Lanzinger ging mit ihrem Projekt »ARCHE ATLANTA« nicht von den Produkten des Partnerunternehmens aus, sondern von den Migrationsgeschichten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dabei wurde klar, dass Ein- und Auswanderung keine neuen Phänomene sind. Sie nutzte das biblische Bild der Arche, um deutlich zu machen, dass unterschiedliche Herkunftsgeschichten für ein harmonisches Miteinander keineswegs ein Hindernis darstellen. In einer Performance setzten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Lebensgeschichte live in Szene.
Video

Re-start mit neuen Impulsen

Pinterest_pulse of art

Nach einem Jahr Pause mit anderen Schwerpunkten, persönlichen Höhen und Tiefen, spitze ich wieder die Feder für diesen Blog. Er wird noch mehr als bisher ein E-Blog sein! Das E steht natürlich einerseits für electronic, aber in erster Linie für E wie Experte, Expertin oder Expertise. Also ein Experten-Blog, der über praktische Erfahrungen und theoretisches Wissen zum Thema „Kunst und Wirtschaft“ berichtet. Diese Schärfung des Profils entstand in Gesprächen mit Sigrid Neureiter, Dr.Neureiter-PR www.neureiter.at.

Was hat sich nicht verändert?

Meine Erfahrung, dass Künstlerinnen und Künstler der Gesellschaft – und ganz besonders Unternehmen und Organisationen – wertvolle  Impulse geben können. Inzwischen gibt es viele neue Praxisberichte. Ich habe mit Führungskräften und den MitarbeiterInnen über ihre Projekte mit Künstlerinnen und Künstlern gesprochen. Keine Ausgangssituation glich der anderen. Genauso vielfältig waren die Vorgangsweisen der beteiligten Künstler. Nachzulesen in der Kategorie Praxisbeispiele, die sich demnächst weiter füllen wird.

Erfahrungen nachlesen

2018 sind mehrere Bücher zur Frage erschienen, was und wie Führungskräfte von Künstlern lernen können. Die Vielfalt an Möglichkeiten künstlerisches Denken und Handeln in Wirtschaft und Gesellschaft zu nutzen, wird in diesen Büchern gut abgebildet:

„Die Künstlerbrille“ von Berit Sandberg und  Dagmar Frick-Islitzer, Verlag Springer Gabler

„Creative Company – wie künstlerisch zu arbeiten Organisationen dabei hilft, über sich hinaus zu wachsen“, von Dirk Dobiéy und Thomas Köplin, den Masterminds von Age of Artists, erschienen im Verlag Vahlen

„Neue Allianzen für die Gestaltung der Zukunft“, herausgegeben von Elisabeth Hartung, erschienen bei avedition

„Wirtschaft trifft Kunst – warum Kunst Unternehmen gut tut“, die Herausgeberin ist Ulrike Lehmann, Art Coaching, Verlag Springer Gabler

„Kreative Pioniere in ländlichen Räumen“, von Corinna Hesse (Hrsg.), Katja Wolter, Daniel Schiller, Steinbeis-Edition

Neben historischem Hintergrund und Theorie wurden von den Autoren vor allem Gespräche, Interviews, Beobachtungen künstlerischer Prozesse und konkrete Praxisbeispiele zusammengetragen.

KünstlerInnen und ihr spezielles Denken und Handeln beeinflussen inzwischen auch Organisationsberater, die künstlerische Haltungen und Arbeitsweisen in ihren Beratungsprozessen anwenden. Ich werde die Bücher in diesem Blog ausführlich besprechen. Vorab einige Fragen, zu denen Sie sowohl Erfahrungswissen als auch durchaus unterschiedliche Meinungen erwarten können:

  • Was spricht für und gegen „Methoden“ um die Kreativität der Mitarbeiter zu aktivieren, damit die ersehnten Innovationen entwickelt werden ?
  • Was kann sich durch künstlerische Interventionen tatsächlich verändern?
  • Wirkt künstlerisches Denken und Handeln nachhaltig? Oder nur kurzzeitig durch ein emotionales Erlebnis, das schnell wieder im Alltagsstress verblasst.
  • Zwingt gerade die Digitalisierung und Roboterisierung neue Fähigkeiten der Mitarbeiter zu stärken, um die Mensch-Maschine-Kooperation gut zu gestalten?
  • Sind künstlerische Fähigkeiten, Denk- und Handlungsweisen dafür genau das Richtige?


Alles das und noch mehr in den nächsten Blog-Beiträgen!

Künstlerische Prozesse als Inspirationsquelle

Forschungsergebnisse in Organisationen „transponieren“ – eine Buchbesprechung

praktiken des komponierens
Die Arbeitsprozesse von Künstlerinnen und Künstlern sind für mich geheimnisvoll und faszinierend – und ich wunderte mich immer, dass sich die Organisationsforschung noch nicht damit auseinandergesetzt hat. Nun habe ich das Buch „Praktiken des Komponierens“ von Tasos Zembylas und Martin Niederauer entdeckt. Ich höre gern Musik, bin aber weder Komponistin noch Musikerin oder Musikwissenschaftlerin. Wieso habe ich mich angesprochen gefühlt? Ich las den englischsprachigen Kurztext: „Art matters. It affects us in our daily lives and is full of meanings that are valuable to all of us…. is a catalyst for social interactions and cultural dynamics.“ Daher empfehle ich dieses Buch auch Menschen in Organisationen, besonders jenen in Führungsfunktionen und deren Beratern.

Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft ist auf der Suche nach dem Neuen. Kreative Prozesse sind heute zentrales Thema wenn es um das Neue Arbeiten, um Schwarmintelligenz, um Innovation geht. Querdenker werden beschworen, aber wo findet man sie? Künstlerinnen und Künstler sind ExpertInnen des originär Neuen, für Radikale Innovationen. Künstler schaffen NEUES, wo vorher nichts ist:
– die weiße Leinwand – der Maler das Bild, die Zeichnung
– der leere Raum – der Choreograf und die Tänzer die Performance
– der rohe Stein oder das Holz – der Bildhauer die Statue
– die Stille / das leere Notenblatt – der Komponist das Musikstück
– das leere Blatt Papier – der Dichter die Geschichte, das Gedicht, den Roman

In Gesprächen mit KünstlerInnen habe ich immer nach ihrer Arbeitsmethode gefragt, daraus ist eine lange Liste entstanden, von „ästhetisch“ bis „wahrnehmen“. Das Problem dabei ist, dass die meisten KünstlerInnen ihre Schaffensprozesse zwar analysieren und reflektieren, in ihrer Beschreibung fehlt aber gerade das was unbewusst und ungeplant abläuft. Ist es eine „black box“? Kann man diese Blackbox öffnen? Sind künstlerische Methoden auch in Organisationen anwendbar und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Deshalb hat mich die Ankündigung der wissenschaftlichen Erforschung von kompositorischen Schaffensprozessen fasziniert. Hier wird die eigene Reflexion durch das ergänzt, was unreflektierbar ist, all das was „im Tun“ implizit ist, das „tacit knowing“. Und implizites Wissen hat mich bereits 1996 beschäftigt, als wir im Hernstein International Management Institut eine Konferenz zum Thema Wissensmanagement mit dem damals führenden Experten, dem Japaner Hirotaka Takeuchi, organisierten.

So habe ich zu diesem Buch gegriffen. Die Selbstbeschreibungen der KomponistInnen wurden in diesem Forschungsprojekt durch eine soziologisch und wissenstheoretisch inspirierte Perspektive erweitert. Darüber hinaus werden Komponenten und Bedingungen erfasst, die künstlerische Handlungsfähigkeit konstituieren.

Die Ergebnisse dieser Forschung auf Prozesse in Organisationen zu übertragen, ist mir leicht gefallen. Es ist eher verwunderlich, warum künstlerische Prozesse nicht schon lange als Inspirationsquelle angenommen werden. Ich habe in nahezu allen Kapiteln Parallelen gefunden.

Dazu nur ein paar Beispiele:

  • Wie kann ein noch im Entstehen befindliches Werk greifbar werden? Man kann es nicht beschreiben, also greift der Künstler zu Metaphern, Zeichnungen, zu Probehandeln, zu einer „imaginativen Antizipation“. Wie könnte das helfen, geplante Entwicklungen im Unternehmen fühlbar und erlebbar zu machen?
  • Wie gelingen die Dialoge mit den „Peers“, Dirigenten und MusikerInnen, von denen Komponisten abhängig sind? MusikerInnen sehen sich oft nicht nur als Reproduzierende, sondern mit eigenen Vorstellungen der Gestaltung und der eigenen Suche nach Lösungen bei Problemen. Was wenn der Dirigent den Probenprozess eher autorität als partizipativ gestaltet? Genau das läuft doch auch bei Teams in Organisationen ab – was kann man aus dem Kunstbetrieb lernen?
  • Wie werden Beziehungen zu Auftraggebern, ZuhörerInnen, dem technischen Personal gestaltet, die für den Erfolg maßgeblich sind? Die gleichen Themen sind im Unternehmen aktuell.
  • Welche Rolle spielen materielle und immaterielle Ressourcen: Instrumente, Computer, explizites Wissen, Systeme, Diskurse, formale Regeln. Sie helfen Ideen zu strukturieren, aber auch zu improvisieren und zu experimentieren. Andererseits verleiten Instrumente dazu, Gewohntes zu reproduzieren. Auch Manager wünschen sich zu oft Sicherheit durch formale Rezepte und Prozedere. Wie kann künstlerische Improvisationskunst, das Körperwissen also die sinnlich-körperliche Wahrnehmung, das „Gespür“, in der Wirtschaft helfen eine neue Innovationskultur und genuin Neues zu etablieren?
  • Wie beeinflussen die Rahmenbedingungen und Ressourcen das Ergebnis, also Auftrag und Vorgaben, institutionelle Gegebenheiten, Raum, Zeit, die Atmosphäre des Arbeitsortes? Genau da nehmen Künstler schnell wahr, was das Arbeitsklima fördert oder belastet. Wie können Unternehmen von diesen Fähigkeiten profitieren?
  • Wie wird die Tagesroutine organisiert und wie parallel dazu Projekte? Wie geht der Künstler mit der „Unmöglichkeit“ von Termindruck um wenn etwas Innovatives entstehen soll? Auch vor diesen Widersprüchen stehen Führungskräfte und MitarbeiterInnen in Organisationen.

Besonders anregend fand ich das Kapitel „Prozesshaftigkeit des Komponierens“. Man liest über die Nicht-Linearität und Ergebnisoffenheit von kreativen Prozessen, über turning points, den Unterschied zwischen zielgerichtet und zielgesteuert, über den Umgang mit Komplexität. Durch Analysen von Skizzen und Tagebüchern der KünstlerInnen, Klangaufnahmen, Videos, persönlichen Berichten haben die Forscher Licht in diese Prozesse gebracht.

Das „empirische Herz“ der Studie bilden fünf Fallstudien von Kompositionsprozessen von der ersten Idee bis zur Uraufführung. Die KomponistInnen sind Marko Ciciliani, Karlheinz Essl, Clemens Gadenstätter, Katharina Klement und Joanna Wozny. Das Besondere daran: der Prozess wurde von den Künstlern und den Forschern während der gesamten Dauer – also in real time –  beobachtet und dokumentiert. Normalerweise wird nach Abschluss eines Projekts rückblickend der Ablauf analysiert. Das macht einen großen Unterschied – und auch das ist eine Anregung für die betriebliche Praxis.

Unternehmer und Manager verbinden Veränderungen stets mit konkreten Erwartungen und Zielen: neue Produkte, mehr Umsatz, weniger Krankenstände, weniger Fluktuation etc. Angst und Unsicherheit nähren das Bedürfnis nach einer – wenn auch illusorischen – Verbindlichkeit. Wenn die Lektüre dieses Buches Führungspersönlichkeiten nur von Einem überzeugt, dann lohnt sich die Investition bereits: Innovationsprozesse haben keine finale Gestalt, daher ist der „offene Ausgang“ das Beste was man sich als Ziel wünschen kann. Und Künstlerische Methoden sind auch in Organisationen anwendbar. Dieses Buch schenkt dafür viele Anregungen.

Tasos Zembylas, Martin Niederauer „Praktiken des Komponierens“, Soziologische, wissenstheoretische und musikwissenschaftliche Perspektiven. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-13507-2

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