Kunst wirkt

Ein ärztliches Rezept, das keine Pillen oder Tropfen verschreibt, sondern einen Theater- oder Konzertbesuch – an ein solches Projekt erinnere ich mich dunkel, finde die Unterlage aber leider nicht mehr. Ich sehe das Rezeptformular vor meinem geistigen Auge. Es erheiterte mich damals, weil ich mir selbst oft ein Kulturerlebnis verschreibe um zu entspannen.

Wenn man das Stichwort googelt, liest man, dass Düsseldorfer Kinder- und Jugendärzte bereits 2009 Kultur auf Rezept verordneten. Eine gute Idee, die dann leider wieder versandete. Das Projekt wurde nun 2019 wiederbelebt. Um Sponsoren zu finden brauchte es scheinbar den wissenschaftlichen Beweis der positiven Wirkung. Nun liegt er auf dem Tisch: Londoner ForscherInnen haben in einer Langzeitstudie („Creative Health“) herausgefunden, dass kulturelle Aktivitäten positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Ärzte in Kanada können ihren PatientInnen seit 2018 ein Rezept für einen freien Besuch des Montreal Museum of Fine Arts verschreiben, berichtet das World Economic Forum auf seiner Homepage.

Inzwischen kommen Impulse auch von EU, UNO und WHO, die im November 2019 den ersten Weltbericht zu „Kunst und Gesundheit“ veröffentlichte, der etliche wissenschaftliche Erkenntnisse dazu bündelt.

Arts for Health

Am 5. Dezember war dann „Arts for Health“ in Wien das Thema des zweiten Workshops des Bundeskanzleramts aus der Reihe Creative Europe – Kultur und nachhaltige Entwicklung. Engagierte Diskussionen, bunte Kärtchen, neue Kontakte, Austausch von Meinungen und Visitenkarten – alles wie erwartet. Überraschend dann die Vorarbeit der ig kultur, die einen inhaltsschweren und künstlerisch gestalteten *) Themenband „Kultur als Rezept“ den TeilnehmerInnen druckfrisch auf den Tisch legte.

*)  Kunststrecke: Anagrammarbeiten von Georg Lebzelter

© ig kultur

Mit lesenswerten Beiträgen von Michaela D.Wolf, Theaterwissenschaftlerin; Susanne Blaimschein, Kulturmanagerin; Katherine Taylor, Forscherin und klinische Psychologin; Claudia Schnugg, Wissenschaftlerin; Claudia Spahn, Musikerin uva.… und mit einprägsamen Merksätzen:


„Ja, Tanz verfügt über ein wirksames Veränderungspotenzial.“
„Mit Kunst gegen die kollektiven blinden Flecken ein Zeichen setzen.“
„Kreative Interventionen sind effektiver als Psychopharmaka.“
„Rezeption wie Produktion von Kunst verlangt immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst.“
„Lebensmittel, die stärken: Freundschaft, Selbstwirksamkeit und Anerkennung.“

Aus den Beiträgen möchte ich zwei beschreiben
um Ihnen Appetit auf mehr zu machen.

Himmelsrichtungen – ein Projekt des KunstRaum Goethestrasse xtd

© KunstRaum Goethestrasse xtd, Graz

In Zusammenarbeit mit pro mente OÖ entstand diese mehrteilige Workshopreihe an der Schnittstelle Kunst und Soziales. In Expeditionen entlang der Himmelsrichtungen wurde Unbekanntes und Neues entdeckt. Die Touren führten die mehr als 130 TeilnehmerInnen über künstlerisch-kreative Methoden von der Realität in die Fantasie und wieder zurück. Begleitet von zwei professionellen FotografInnen entstanden Zeichnungen, Inszenierungen und Texte. Die abschließende Ausstellung war dann das Ergebnis eines gemeinsamen künstlerischen Prozesses. Diese Qualität und Wertigkeit ist bei solchen Projekten besonders wichtig, um den Lerneffekt zu intensivieren und Öffentlichkeit zu erreichen.

© petra.servus.at

Kunst in der Apotheke

Wie vielfältig ein künstlerisches Thema sein kann, zeigt die Arbeit von Elisabeth Schafzahl und Philipp Wegan, Labor für Kunst. Claudia Schnugg interviewte die beiden Künstler. Die Rezeptscheine werden bei diesem Projekt von Künstlerinnen und Künstlern gestaltet, inzwischen sind es bereits mehr als 150. Man findet darauf Bilder, Collagen, Noten, Texte, Gedichte – lauter kleine Kunstwerke, die skizzieren, wie potenziell heilende Mittel aussehen könnten. Die daraus entstandene Ausstellung wurde in der ehemaligen Josefsapotheke in Wien Meidling gezeigt, in Galerien, bei der Biennale in Venedig, Paris und demnächst im Steirischen Landesmuseum. Ziel ist zu hinterfragen, wie eine künstlerische Haltung zu einem Lebenselixier werden kann.

© Labor für Kunst

Über Helga Stattler
Institut für Kunst und Wirtschaft

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